Lang, lang ist es her, dass ich etwas hier geschrieben habe. Jetzt wird es wieder einmal Zeit dafür, eine Geschichte mit euch zu teilen, die zwar noch lange nicht fertig, aber schon weiter fortgeschritten ist, als alle Geschichten, die ich hier bereits begonnen habe. Ja, ich weiß, ich kann es nicht lassen, andere Geschichten anzufangen und irgendwie nicht bei einer Geschichte bleiben. Ich hoffe, das macht euch nichts aus. Hier kommt schon einmal das erste Kapitel meiner Geschichte, die Farben der Drachen!
Als Lilia an diesem Tag aufwachte, war sie nervös und aufgeregt, denn dies war der große Tag der Entdeckung. Alle Bewohner Orlandos versammelten sich am großen Platz der Hauptstadt Darynlin, um dieser Zeremonie beizuwohnen. Jedes Jahr kamen Drachenreiter, Druiden, Schwertkämpfer und Magier, um zu sehen, wer ihre Gabe besaß und würdig war, ausgebildet zu werden. Lilia war nun 17 Jahre alt, und dies war das Alter, in welchem die Jugendlichen überprüft wurden. Lilia wollte unbedingt eine Druidin werden, und dafür hatte sie schon viel getan. Ihre Großmutter war ebenfalls eine Druidin und hatte ihr viel beigebracht, was sie über Kräuter wissen musste. An eine Karriere bei den Magiern oder den Drachenreitern konnte das Mädchen nichts Reizvolles finden. Sie verabscheute schon immer Gewalt, und Drachenreiter waren dafür bekannt, gute Krieger zu sein. Auch Schwertkämpfer wollte Lilia nicht werden, ganz im Gegensatz zu ihrem Zwillingsbruder Aco. Lilia konnte es kaum erwarten, dass die Zeremonie begann, und so zog sie sich hastig an und verließ ihr Zimmer. „Guten Morgen, meine Tochter!“, rief Silvana, ihre Mutter und umarmte das Mädchen fest. „Guten Morgen“, erwiderte sie den Gruß. Nun kam auch ihr Bruder hocherhobenen Hauptes angelaufen. Er hatte bereits die Rüstung, die er stets auf der Jagd trug, angelegt und sein Schwert an einer Schwertscheide befestigt. „Heute ist unser großer Tag“, verkündete er feierlich, und Lilia musste unwillkürlich grinsen. „Esst erst einmal etwas“, schlug die Mutter vor, doch Lilia brachte keinen Bissen hinunter. Ihr Magen fühlte sich seltsam flau an, und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Als die Sonne im Zenit stand, war es endlich so weit. Schweigend ging die ganze Familie zum Hauptplatz, wo schon sehr viele Menschen standen. „Hallo, Lilia!“ Die Stimme ihrer besten Freundin Ricarda drang an ihr Ohr, und die Mädchen umarmten einander. „Ich bin so aufgeregt“, flüsterte Ricarda ihrer Freundin zu. Plötzlich wurde es ganz still auf dem Platz. Alle verneigten sich tief, als zuerst die Drachenreiter mit ihren Drachen einflogen, danach sich die Schwertkämpfer postierten, die Magier mit einer spektakulären Darbietung ihrer Magie auftauchten und die Druiden ihre Plätze weiter hinten einnahmen. „Willkommen, ihr Drachenreiter, Schwertkämpfer, Magier und Druiden!“, rief Elorion, der König von Orlando. „So sei es“, antworteten alle Bürger im Chor. „Lasst uns nun den Nachwuchs entdecken!“ Mit diesen Worten verschwand der König, und Chaos brach aus, als die Jugendlichen zu den verschiedenen Gilden strömten, um zu prüfen, ob sie begabt waren. Lilia und Ricarda gingen Hand in Hand zu den Druiden und stellten sich in einer Reihe hinter die anderen Wartenden. Lilia ließ ihrer Freundin den Vortritt, und als diese an die Reihe kam, war Lilia nicht weniger nervös. Nur einer durfte das Zelt der Druiden betreten, damit nicht Unbefugte von den Geheimnissen der Gilden erfuhren. Ricarda kam nach kurzer Zeit mit einem Strahlen im Gesicht heraus und fiel Lilia um den Hals. „Ich werde eine Druidin!“, rief sie. Lilia gratulierte ihr und betrat schließlich ebenfalls das Zelt. Ihre Aufregung wuchs immer weiter. Hoffentlich würde sie auch eine Druidin werden können. Eine freundliche junge Frau begrüßte Lilia. „Ich werde dir nun einen Trank geben, welcher zeigen wird, ob du würdig bist“, sagte sie und reichte Lilia eine Phiole. Vorsichtig führte das Mädchen diese an die Lippen und trank das Gebräu aus. Es passierte nichts, und nach wenigen Sekunden schüttelte die Druidin bedauernd den Kopf. „Du hast leider keine druidische Begabung, Lilia.“ Diese Worte waren für das Mädchen ein Schlag ins Gesicht. Ihre größte Hoffnung war damit nicht mehr existent, und traurig verließ sie das Zelt. „Du hast es nicht geschafft“, stellte Ricarda fest, als sie Lilias traurigen Gesichtsausdruck sah. Sie nickte. Für einen Moment blieb Lilia unschlüssig stehen und überlegte, was sie nun tun sollte. Plötzlich löste sich ein Drache aus der Formation der Drachenreiter und flog direkt auf sie zu. Angstvoll hob das Mädchen die Hände, um dem Drachen zu zeigen, dass sie friedlich war, doch der Drache hatte gar nicht vor, sie anzugreifen, sondern landete und blickte ihr aus seinen goldenen Augen entgegen. Einen Moment später schritt er auf seinen Beinen in Richtung der Drachenreiter davon und starrte Lilia erwartungsvoll an. Als diese nicht reagierte, ließ er ein Brüllen los. „Ich glaube, der Drache möchte, dass du zu den Drachenreitern gehst“, flüsterte Ricarda, und Lilia wurde mulmig zumute. Sie? Bei den Drachenreitern? Das konnte nicht gut gehen. Von den Schriften über diese Gilde wusste sie, dass diese Menschen vor allem kämpften. Kampf war jedoch etwas, was Lilia niemals für sich in Erwägung gezogen hatte. Sie wollte keine Gewalt ausüben, geschweige denn sehen. Der Drache wich jedoch nicht zurück, und so folgte sie ihm mit weichen Knien zu den Drachenreitern. Ein junger Reiter reichte ihr die Hand. „Dragomir, mein Drache, ist der Auffassung, dass du zu uns gehörst“, erklärte er. Lilia sagte nichts, denn ihr fehlten zum ersten Mal in ihrem Leben die Worte. Stattdessen sah sie sich in dem riesigen Zelt um. Es waren fünf Drachenreiter und mit ihr nun auch fünf Anwärter, also waren sie wohl vollzählig. Alle außer sie selbst waren voller Stolz über diese Ehre. Außerhalb des Zeltes saßen die Drachen. Der Drache, welche Lilia entdeckt hatte, war eisblau, außerdem gab es noch einen ozeanblauen, einen roten, einen grünen und einen braunen Drachen. „Was haben die Farben der Drachen zu bedeuten?“, fragte Lilia, als sie ihre Sprache wiedergefunden hatte. Der junge Reiter wandte sich erneut ihr zu. „Die Farben der Drachen stehen für ihre Elemente. Ozeanblau für Wasser, eisblau für Eis, braun für Erde, grün für Luft und rot für das Feuer. Ach, bevor ich es vergesse, mein Name ist Adrian. Wir werden in zwei Stunden zum Drachenwald reiten, wo du deinen eigenen Drachen finden wirst. Aber jetzt geh erst einmal zu deiner Familie und verabschiede dich. Bevor wir losfahren, werden die Anwärter auch noch in einem Ritual angebetet.“ Lilia nickte und verließ das Zelt der Drachenreiter. Suchend blickte sie sich nach ihrer Freundin und ihrer Familie um. Als sie Ricarda gefunden hatte, umarmte sie sie fest. „Ich bin jetzt eine Drachenreiterin“, sagte sie. Die Worte klangen fremd aus ihrem Mund, denn Lilia konnte es selbst noch nicht so recht glauben. „Ich wünsche dir alles Gute auf deinem Weg“, antwortete Ricarda und drückte ihre Freundin. Als sie sich voneinander lösten, entdeckte Lilia ihren Bruder, welcher voller Stolz neben der Mutter stand. Mit schnellen Schritten bahnte sich Lilia einen Weg zu ihrer Familie. „Ich bin Schwertkämpfer!“, jubelte Aco, nachdem er seine Schwester in eine wilde Umarmung gezogen und herumgewirbelt hatte. „Und ich eine Drachenreiterin“, erklärte Lilia, was dazu führte, dass Acos Augen groß vor Staunen wurden. Ihre Eltern freuten sich ebenfalls sehr und wünschten Lilia viel Erfolg.
Die Zeit verging im Fluge, und dann war es schließlich so weit. „Alle Entdeckten mögen sich bitte zu den Leuten eurer Gilde stellen!“, rief der König. Lilia winkte ihrer Familie noch einmal zu, dann lief sie zu den Drachenreitern. „Nun beginnt für euch ein Weg voller Herausforderungen und Abenteuer. Lasst uns alle miteinander beten, um diese jungen Menschen beim Übergang in das Erwachsenenleben zu unterstützen!“ Alle Menschen falteten nun ihre Hände und sprachen ein langes Gebet. Danach trat der König vor jeden Anwärter und schüttelte ihm die Hand. Als diese Zeremonie beendet war, wurden Zelte abgebaut. Lilia sah, wie riesige Körbe an den Drachen befestigt wurden. „Du wirst mit mir reiten“, stellte Adrian klar und deutete auf den Korb. Zögerlich stieg Lilia hinein, und als alle Drachenreiter soweit waren, erhoben sich die Drachen in die Lüfte. Lilia wandte sich an Adrian, welcher vor ihr auf dem Rücken des Drachen saß. „Wie kann es sein, dass die Drachen mich für würdig halten? Ich dachte, Drachen bevorzugen starke Kämpfer, die gewaltbereit sind.“ Adrian nickte bedächtig. „Ja, das ist wahr. Ich kann dir auch nicht sagen, weshalb du für würdig erachtet wurdest, aber zweifle nicht an dir selbst. Sonst wird es dir schwer fallen, deinen eigenen Drachen zu finden, wenn du nicht dafür offen bist.“ Lilia nickte nur. Tausende Gedanken kreisten in ihrem Kopf, und auch etwas Angst schwang darin mit. Was, wenn sie niemals einen Drachen fand? Plötzlich spürte sie Dragomirs Blick auf ihr. „Deine Selbstzweifel stören meine Konzentration“, sagte eine tiefe Stimme in ihrem Kopf. „Wir Drachen bekommen Gedanken von Drachenreitern mit, auch wenn es nicht der eigene Reiter ist, weißt du? Du wirst mit der Zeit lernen, Kontrolle darüber zu erhalten, aber bitte, quäle meinen Geist nicht mit deinen Gedanken. Es ist das erste und auch das letzte Mal, dass ich deinen Geist berührt habe, um dir das zu sagen, denn Drachen kommunizieren in der Regel nur mit ihren Reitern.“ Mit diesen Worten zog sich der Drache aus ihrem Geist zurück, und Lilia sah ein, dass er Recht hatte. Sie durfte sich selbst nicht von Selbstzweifeln einnehmen lassen.