Kapitel 3: Die Geburt eines Drachenkindes
Eine Woche war ohne weitere Vorkommnisse vergangen. Daria und Diana hatten sich weiter angefreundet und planten, sich bald außerhalb der Schule zu treffen. Glücklich und zufrieden kraulte Daria an diesem Abend ihren Kater, als sie die Gedankenstimme ihres Drachen wahrnahm. „Wenn du willst, kannst du heute sehen, wie Eskara aus ihrem Ei schlüpft“, erklärte er ihr, und Daria ließ sich dies nicht zweimal sagen. Sie betrat die Welt ihres Drachen und blieb in respektvollem Abstand zur Höhle stehen. Kaya saß zusammengekauert auf dem Boden, und neben ihr hatte sich Xantarius niedergelassen. „Es braucht viel Magie, um dem Drachenkind dabei zu helfen, aus seinem Ei auszubrechen. Das Schlüpfen selbst muss Eskara übernehmen, dabei können wir ihr nicht helfen. Wir steuern nur etwas Magie bei, denn im Ei können kleine Drachenkinder noch keine Magie entwickeln. Bleib bitte außerhalb der Höhle, denn man weiß nie, wie Eskara auf Menschen reagiert, auch wenn sie noch ziemlich ungefährlich ist, wenn sie schlüpft.“ Daria nickte und beobachtete, wie die Risse des Eis immer größer wurden. Das Drachenmädchen war langsam aber stetig dabei, sich aus ihrer Behausung zu befreien. „Es hat genug Magie“, sagte Xantarius, und die Dracheneltern zogen sich etwas zurück. Das Drachenkind hämmerte wütend mit ihren Klauen gegen die Wände des Eis, und ein unbeschreiblicher Drang zu helfen übermannte Daria. „Wir dürfen ihr nicht weiter helfen, denn dies ist die erste Prüfung des Drachen. Ein Drache muss stark und gut in der Magie sein, um in dieser kriegerischen Welt überleben zu können.“ Plötzlich erschien Wasser und ließ das Ei etwas weicher werden. Eskaras Kopf und ein Flügel schauten bereits aus dem Drachenei heraus, und mit einem letzten Ruck befreite sich das Mädchen endgültig aus dem Ei. „Nun müssen wir ihr noch Magie geben, damit sie existieren kann. Kein Drache kann ohne magische Energie existieren.“ Xantarius und seine Frau wollten gerade zu Eskara fliegen, doch das Drachenmädchen reagierte nicht so wie erwartet. Langsam krabbelte es aus der Höhle und fixierte Daria. Sofort spürte sie etwas am Rande ihres Bewusstseins, es fühlte sich an wie eine neue Verbindung. Daria wollte sich fast freuen, dass Eskara sie ebenfalls auserwählt hatte, als etwas brutal an ihrer Kraft zog. „Was soll das!“, rief sie der Drachin zu, doch diese antwortete nicht. Daria konnte nur diesen Drang nach Magie spüren, und dies machte ihr Angst. „Geh aus meinem Kopf!“, schrie sie und versuchte, das Drachenmädchen aus ihrem Geist zu stoßen. Auch Xantarius war erschrocken darüber, doch er konnte nichts tun. „Du kannst sie nicht aus deinem Geist stoßen“, sagte er nur, doch seine Stimme klang plötzlich weit entfernt. Als die letzte Macht aus Daria gesaugt wurde, verlor sie die Besinnung.
„Wie konnte das nur passieren!“ Eine helle Stimme weckte Daria, und sie sah sich um. Aurika saß neben ihr, außerdem noch Keara, Xantarius und Kaya. Eskara, welche bereits ein wenig größer war als vorher und ihre ersten Flugversuche machte, hielt kurz inne. Dann landete sie neben Daria und fixierte sie erneut. Diesmal griff sie jedoch nicht nach ihrer Magie, sondern legte ihren Flügel an ihre Seite. Daria musste unwillkürlich lächeln und streichelte die Drachin sanft. „Wir haben uns Sorgen gemacht!“, rief Aurika und flog zwischen Daria und dem Drachenkind. Sofort hob Eskara wieder ab. „Uns tut Leid, was passiert ist“, erklärte Kaya, und auch Xantarius nickte. „Wir konnten damit nicht rechnen. Noch nie hat ein Drachenbaby von einem menschlichen Geist Magie gezogen, obwohl schon einige Drachen ihre menschlichen Begleiter bei der Geburt dabei hatten.“ „Trotzdem, ich wusste schon immer, Drachen kann man nicht trauen!“, rief die Fee aufgebracht. Daria erhob sich nun und stellte sich neben ihre Begleiter. „Hört bitte auf zu streiten“, sagte sie laut, und die Stimmen verstummten. „Was geschehen ist, ist geschehen. Sobald Eskara sich telepathisch äußern kann, werden wir schon erfahren, wieso sie meine Magie nahm.“ „So einfach ist das aber nicht!“, rief Keara. „Dein Geist war ganze zwölf Stunden in dieser Welt, weil du zu schwach warst, um in deinen Körper zurückgeholt zu werden. Zum Glück hat das niemand bemerkt!“ Daria holte einmal scharf Luft. „Ich muss zurück!“, rief sie und wollte sich bereits wieder zurückziehen, als Xantarius sie festhielt. „Zuerst muss ich dir noch etwas sagen.“ Er warf einen Seitenblick auf die anderen Gefährten. „Aber ohne euch, wenn ich bitten darf. Drachengeheimnisse teile ich nicht mit anderen Völkern.“ Widerstrebend erhoben sich Keara und Aurika, doch als Daria versicherte, dass alles in Ordnung war, verschwanden sie. Xantarius seufzte. „Ich muss dir etwas erzählen, doch leider bringt das, was ich dir jetzt erzähle, viel Verantwortung mit sich. Im Normalfall ist es so, dass Drachenbabys sich direkt nach der Geburt an einen der Elternteile wenden, um ihnen die nötige Magie zu entziehen. Dabei wählen sie den Elternteil aus, welchen sie am meisten respektieren und mögen. Scheinbar hat Eskara dich zu ihrer Drachenmutter ernannt. Das bedeutet, dass sie dich mehr respektiert und du noch mehr besondere Kräfte besitzt, als ich gedacht hätte. Eskara wird dich in nächster Zeit viel brauchen, denn sie wird vor allem auf dich hören und von dir lernen. Wir werden ihr natürlich beibringen müssen, auch auf uns zu hören, wenn du nicht hier bist, doch gegen Eskaras Wunsch können wir nichts tun. Du bist ihre Drachenmutter.“ Darias Gedanken überschlugen sich. War sie wirklich reif genug für solch eine Verantwortung? Eskara kam zu ihr geflogen und stupste sie leicht mit einem Flügel an. „Ich hoffe, sie zieht mir nicht noch einmal so brutal die Magie“, sagte Daria. Xantarius schüttelte den Kopf. „Keine Sorge. Am Anfang sind die Babys leider so stürmisch und brauchen die Magie zum Überleben. Sie kennen noch kein Maß zu dieser Zeit. Eskara wird ganz gewiss deine Magie ab und an beanspruchen, aber nie wieder so stark wie vorher. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie es sein kann, dass du als Mensch eigene Magie in dir trägst. Das ist sehr ungewöhnlich.“ Daria überlegte kurz. „Könnte Eskara nicht unsere Verbindung gespürt und diese Magie entzogen haben?“ „Nein, das ist nicht möglich. Ansonsten hätte ich es spüren müssen, und meine Magie wäre dann ausgesaugt worden, was sie aber nicht ist. Du bist scheinbar wirklich etwas Besonderes.“ Daria nickte, und eine Zuneigung zu ihrem Drachenkind stieg in ihr auf. Mit einem Mal wusste sie, dass sie diese Verantwortung tragen wollte.
Am nächsten Tag war wieder Schule, und Daria war schon den ganzen Tag aufgeregt, denn heute traf sie sich mit Diana. Nach der Schule fuhren die beiden Mädchen mit einem Bus nach Hause, und ihre neue Freundin wohnte gar nicht weit weg von Daria. Eine freundliche Frau stellte sich mit Carla vor und begrüßte Daria herzlich, dann führte sie sie in die Küche, wo ein leckeres Essen auf die Schüler warteten. „Möchtest du noch mein Zimmer sehen?“, fragte Diana nach kurzer Zeit. Daria nickte, und als sie eintraten, wurde ein kleiner Wellensittich sichtbar, welcher laut zwitschernd von einem Regal geflogen kam. Er landete direkt vor Diana, bevor er mit einem Flügel zum Fenster zeigte. Diana machte sich auf den Weg und öffnete es. Sofort flog ihr Vogel auf und davon. „Du lässt deinen Vogel wegfliegen?“, fragte Daria. „Hast du keine Angst, dass er nicht mehr zurückkommt?“ Diana schüttelte heftig den Kopf. „Tamiko weiß genau, wohin er gehört“, antwortete sie. „Meine Mutter hätte zwar lieber, wenn er in einem Käfig bleiben würde, doch dieser Versuch ist schiefgegangen. Tamiko hat eben einen großen Bewegungsdrang, da kann man nichts machen.“ Daria nickte nur, denn irgendwie erinnerte der Vogel sie an ihren Kater. Kurz darauf kam Tamiko auch wieder zurück und setzte sich neben Daria, während die Mädchen sich noch stundenlang unterhielten. „Ich muss nach Hause und Kian füttern!“, rief Daria, als es bereits früher Abend war. „Das nächste Mal lade ich dich zu mir ein“, fügte sie noch hinzu, bevor sie ihre Sachen nahm und den Rückweg antrat.