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Die unsichtbaren Gefährten, Kapitel 4

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Kapitel 4: Ein Hinterhalt und der erste Ritt auf dem Drachen

An diesem Tag war Daria sehr aufgeregt, denn Diana wollte sie heute Nachmittag besuchen. Immer wieder sah das Mädchen auf ihre Armbanduhr, noch häufiger als sie es sonst tat. Zahlen und Uhrzeiten gaben ihr ebenso Sicherheit wie die Beschäftigung mit fantastischen Geschichten oder ihren Gefährten. Niemand wusste von ihren neuen Gefährten, und sie überlegte kurz, ob sie Diana einweihen sollte. Diesen Gedanken verwarf Daria jedoch schnell wieder, da sie Diana nicht gut genug kannte, um einschätzen zu können, ob sie vertrauenswürdig war. Dennoch freute sie sich etwas über den Besuch, doch ein Teil in ihr hatte Angst um ihre mühsam erschaffene Ordnung, welche vielleicht durcheinanderkommen würde. „Du bist heute aber nervös“, meinte ihre Mutter, und Daria nickte nur. „Ich hatte noch nie eine Freundin zu Besuch“, fügte sie hinzu. Nein, das stimmte nicht ganz. Im Kindergartenalter, als die Diagnose Autismus noch nicht feststand, wollte ihre Mutter immer, dass sie Anschluss zu anderen Kindern fand. Deshalb lud sie immer wieder das eine oder andere Mädchen ein, was jedoch nicht von Erfolg gekrönt war, denn Daria saß meist in einer Ecke und spielte alleine, ohne ihren Besuch auch nur anzusehen. Diesmal war es etwas Anderes. Diana war eine wirkliche Freundin geworden, und Daria war älter und reifer geworden. Auch wenn sie etwas nervös war, freute sie sich schon auf die Begegnung. Pünktlich auf die Minute, nämlich genau um 14 Uhr, klingelte es an der Tür. Daria wäre vor Nervosität beinahe über ihre eigenen Füße gestolpert, weshalb sie nicht sofort zur Stelle war. „Tut mir Leid, dass ich 24 Sekunden zu spät war“, sagte sie, doch Diana lachte nur, ohne sich darüber zu ärgern. Langsam folgte sie Daria in ihr Zimmer und betrachtete die vielen Bücher in dem Regal. „Wow, das nenne ich ein großes Archiv.“ Sie wollte nach einem der Bücher greifen, doch Daria hielt sie instinktiv zurück, obwohl sie gleichzeitig sofort merkte, dass das unhöflich war. „Es tut mir Leid“, sagte sie nach einer kurzen Pause, „aber ich habe Sorge, dass meine Ordnung zerstört werden könnte, wenn du selbst ein Buch entnimmst. Sag mir, welches du anschauen möchtest, und ich nehme es aus dem Regal und räume es danach wieder an seinen Platz.“ Diana hatte damit kein großes Problem, und so suchten sie sich Harry Potter aus. Darias Augen leuchteten, als sie über die Handlung in dem ersten Teil monologisierte. Diana setzte sich aufs Bett und hörte geduldig zu, bis Daria mit ihrer Rede fertig war. „Es ist toll, dass du so viel auswendig weißt“, sagte sie schließlich, und Daria lächelte stolz. Dann ging sie zum Fenster, da es im Zimmer ziemlich warm war, und öffnete es. Da sah sie etwas, in einem Baum meinte sie, Tamiko, Dianas Wellensittich gesehen zu haben. „Ist das nicht Tamiko auf dem Baum?“, fragte sie und wollte gerade darauf zeigen, doch da war das Vögelchen bereits wieder verschwunden. „Ach nein, ich glaube, er hat dem Vogel einfach nur ähnlich gesehen“, sagte Diana schnell. Für Daria war es schneller als diese ihre Frage überhaupt formuliert hatte. „Woher weißt du denn, ob er da war, wenn du nicht hingesehen hast?“, fragte sie. „Tamiko ist zu Hause im Garten“, antwortete Diana nur, um sofort das Thema zu wechseln. Irgendetwas veranlasste sie scheinbar dazu, nicht über ihr Haustier reden zu wollen. Ein Miau erklang, und Kian kam unter dem Bett hervor, legte sich auf den Teppich und schnurrte. Dies war das Zeichen, dass er seine Streicheleinheiten abholen wollte. „Ich habe gerade keine Zeit zum Streicheln, Kian“, erklärte Daria ihm. „Ich habe Besuch.“ Doch Diana stand auf, setzte sich neben den Kater und streichelte ihn, während dieser sie aufmerksam beobachtete. „Du hast aber einen lieben Kater!“, rief sie nach kurzer Zeit. Daria nickte. „Er ist mein bester Freund.“ Ein Lächeln umspielte Dianas Gesicht. „So wie Tamiko mein bester Freund ist“, murmelte sie. „Aber vielleicht können wir beide auch beste Freunde sein?“ Daria überlegte kurz. Kannte sie Diana gut genug, um zu sagen, dass dies eine beste Freundin war? Soweit sie wusste, war eine beste Freundin jemand, welchem sie all ihre Sorgen, Geheimnisse und Freuden anvertrauen konnte. Daria konnte sich jedoch nicht sofort entscheiden. „Ist es in Ordnung, wenn ich meine Entscheidung noch nicht sofort treffe? Ja, du bist für mich eine Freundin, aber ich kenne dich noch nicht gut genug, um dich als meine beste Freundin anzusehen.“ Diana sagte kurze Zeit nichts, und Daria hatte bereits Bedenken, sie gekränkt zu haben, doch dann nickte sie langsam. „Du bist wirklich etwas Besonderes“, sagte sie mit einem Lächeln. „Ich bin Autistin, das ist nicht viel besonderer, als deine Einschränkung, nur dass meine Einschränkung andere Aspekte meines Lebens betrifft.“ Ein Grinsen trat in Dianas Gesichtszüge. „Ich mag dich, Daria. Ich mag deine gewählte Ausdrucksweise.“ „Danke“, erwiderte Daria nur. Sie konnte mit Komplimenten noch nie gut umgehen und adäquat darauf reagieren. Diana sog scharf den Atem ein, als sie durch das Fenster spähte. „Wo ist die Zeit hin! Ich muss langsam nach Hause! Verdammt! Ich werde den Bus versäumen!“ So schnell es ihre körperliche Verfassung erlaubte, erhob sie sich und nahm ihre Krücken. „Ich könnte dich nach Hause begleiten“, schlug Daria vor. „Das wäre schön“, antwortete Diana, und so zogen sie beide los. Das Haus von Darias Familie lag sehr abgelegen, sodass die Mädchen durch einen Wald spazieren mussten, um zur Straße zu gelangen. Darias Mutter hatte dieses Haus ganz bewusst gewählt, weil es dort ruhig war und für eine Autistin die perfekte Umgebung darstellte. Diese Ruhe und Abgelegenheit wurde den Freundinnen jedoch an diesem Tag zum Verhängnis. Sie waren nicht weit gegangen, als ein Rascheln die Stille unterbrach. Dann wurde ein lautes Knacken hörbar. Bevor Daria etwas tun konnte, sprangen vier Jungen aus einem Versteck heraus, welche mit Messern und Schlagringen bewaffnet waren. „Was soll das!“, rief Diana. „Das geht nicht gegen dich, Krüppel“, antwortete einer der Jungen. „Unser Interesse gilt nur Daria. Also verzieh dich ganz schnell und vergiss, dass du uns gesehen hast. Ansonsten werden wir dich ebenfalls töten müssen.“ Als Daria die Tragweite dieser Worte bewusst wurde, machte sich blanke Panik in ihr breit und sie tat, was sie in solchen Momenten immer tat. Sie presste die Hände fest zusammen und schaukelte mit dem gesamten Körper. Dabei wusste sie genau, dass sie etwas tun musste, doch sie war vollkommen blockiert. Endlich schaffte sie es, Diana mit einer Geste zu zeigen, dass sie verschwinden sollte, doch diese rührte sich nicht. „Ich werde ganz bestimmt nicht zusehen, wie meine Freundin getötet wird!“, rief sie, und ihre Stimme zeigte die Empörung ganz deutlich. „Na gut, dann werdet ihr beide sterben.“ Diana sah zum Himmel empor und rief den Namen ihres Wellensittichs. Daria verstand nicht, denn sie hatte keine Ahnung, wie ein Wellensittich hier helfen konnte. Doch damit, was jetzt angeflogen kam, hatte sie nicht gerechnet. Dieser Adler hatte keinerlei Ähnlichkeiten mehr mit einem Wellensittich, und er stürzte sich auf die Jungen. Daria spürte etwas am Rande ihres Geistes und stellte fest, dass ihre Gefährten in großer Sorge um sie waren. Kian kam in seiner Löwengestalt herbei und mischte sich auch in den Kampf ein. Diana zog Daria vom Kampfgeschehen weg. Wie nicht anders zu erwarten, vernichteten die beiden Tiere die Angreifer innerhalb von Sekunden. „Du… bist auch eine… ich meine… eine Auserwählte?“, stammelte Daria, ohne zu wissen, was sie sonst hätte sagen können. Diana nickte stumm. „Ich werde dir alles auf dem Heimweg erzählen“, erklärte sie, dann verwandelten sich ihre Begleiter wieder in ihre Ursprungsform. Daria nahm ihren Kater auf den Arm, und der Wellensittich landete auf Dianas Schulter. „Ich bin auf diese Schule gekommen, um dich zu beschützen“, erklärte Diana. „Mein Vater ist der Leiter der Akademie der Auserwählten, welche wir mit 16 Jahren beide besuchen werden. Er hat durch seine Gefährten gespürt, dass du stärker bist als andere Auserwählte, und dies haben leider auch die Diener des Bösen gespürt. Es sind Menschen, welche von bösen Hexen, Dämonen, Vampiren oder Werwölfen gewählt wurden. Ich bin die Einzige in der Familie, welche ebenfalls einen Gefährten besitzt, und deshalb wurde ich auf deine Schule versetzt, um etwas auf dich aufzupassen. Meine beiden Schwestern haben keine Gefährten, denn nicht immer wird diese Gabe vererbt. Mein Vater glaubt, dass vor allem Menschen mit Beeinträchtigungen erwählt werden, mit Ausnahme von ihm. Ihm wurde der Auftrag gegeben, die Akademie ins Leben zu rufen.“ Daria nickte nur, denn ihr fehlten im Moment die Worte. „Es tut mir Leid, dass ich dir nicht gleich gesagt habe, weshalb ich mich mit dir anfreunden wollte. Kannst du mir verzeihen?“ Daria überlegte kurz. Ehrlichkeit war für sie das Wichtigste auf der Welt, doch sie kam zu der Erkenntnis, dass sie selbst nicht ehrlich gewesen war, da sie ihre Gefährten verheimlicht hatte. „In Ordnung“, antwortete Daria. „Ich habe mich nun entschieden, dich als meine beste Menschenfreundin anzuerkennen.“

Um Mitternacht kroch Daria in ihr Bett, doch nicht ohne ihren Drachen zu besuchen. Xantarius war erfreut, dass sie unverletzt geblieben war, und Eskara flog sofort aus der Höhle, als sie Daria erblickte. „Mama!“, rief diese immer wieder und flog um sie herum. Daria musste lächeln. Sie spielte ein wenig mit dem Drachenkind, bis dieses müde in die Höhle zurückkehrte. „Ich möchte einmal mit dir durch deinen Wald reiten“, sagte Daria, als sie mit Xantarius alleine war. Er nickte, und sofort stieg sie auf. Daria war noch nie auf einem Pferd geritten, weshalb sie sich nicht vorstellen konnte, wie es war, auf dem Rücken eines Tieres zu sitzen. Sofort erhob sich der Grünschuppige in die Lüfte, und Daria genoss den langen Flug über die Wälder und Felder. Plötzlich drängte sich eine Gedankenstimme in ihr Bewusstsein, und sie klang wütend. Es war Aurika. „Ich bekomme dich nie zu sehen!“, rief sie enttäuscht, und Daria verspürte Gewissensbisse. „Morgen werde ich dich besuchen, ich verspreche es.“ „Großes Feenehrenwort“, fügte sie hinzu, um Aurika davon zu überzeugen. „Ich werde dich erwarten“, sagte die Fee, dann verschwand sie wieder. „Wir sind wieder an der Höhle, und ich sollte langsam schlafen gehen. Du übrigens auch“, sagte Xantarius. Daria lachte auf. „Du hast wahrscheinlich Recht. Lass uns zu Bett gehen.“

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