Kapitel 5: In der Akademie des Bösen
Ryan ging in seinem Zimmer auf und ab. Wenn er aufgeregt war, verbrachte er gerne seine Zeit damit, im Kreis zu laufen. Das beruhigte ihn und ließ seine Gedanken etwas klarer werden. Heute war ein Tag, auf welchen er sich ganz und gar nicht freute, denn heute würde eine Versammlung aller Diener des Bösen stattfinden. Wenn Ryan etwas hasste, dann waren es Versammlungen. Mehr als drei Menschen in einem Raum machten ihn nervös. „Manchmal verfluche ich meinen Autismus“, dachte er. Er wurde schon als Kleinkind damit diagnostiziert und hatte in seinem Leben viel gelernt, dennoch hatte und wollte er keine sozialen Beziehungen und war für sich allein am liebsten. Ganz alleine war er zum Glück nicht, denn sein dämonischer Gefährte Tyran war an seiner Seite. Es war vor vier Jahren, als Ryan 14 Jahre alt wurde, als er seinem Gefährten begegnete. Tyran war ein Dämon, welcher körperlos war und Körper von anderen Menschen kontrollieren konnte. Am Anfang konnte Ryan ihm nicht wirklich vertrauen, doch er hielt sein Wort, niemals den Körper seines Auserwählten zu kontrollieren. Es gab drei Arten von Dämonen. Kriegsdämonen, welche unbändige Kräfte im Kampf mit allerlei Waffen oder den eigenen Klauen besaßen, Dämonenmagier, welche allerlei dunkle Zauber wirken konnten und Dämonengeister, wie Tyran einer war. Er hatte Ryan erklärt, dass Dämonengeister nur selten jemanden auswählten, da sie lieber die Körper kontrollierten. „Dein Geist ist zu klug, um Besitz von dir zu nehmen“, hatte er gesagt. „Es wäre eine Schande gewesen, dich nicht auszuwählen.“ Leider hatte Ryan den Fehler gemacht, seinen Eltern von seinem Gefährten zu berichten, welche ihn danach kurzerhand in eine Psychiatrie einweisen ließen. Dort bekam er Medikamente und wurde therapiert, bis Albin, der Anführer der Diener des Bösen, ihn herausholte und in die Akademie brachte. Ryan hatte dem Anführer also viel zu verdanken, doch bisher hatte er keine Anstalten gemacht, der Akademie zu dienen. Er machte sich nichts aus Kampf, und so hatte er noch keinen Mordauftrag angenommen. Die Akademie tötete immer wieder bestimmte Menschen, welche eine Gefahr waren. „Darum habe ich dich ausgewählt“, erklärte Tyran. „Weil du und ich anders sind.“ Der Dämonengeist hatte ebenfalls kein Interesse daran, sich an Kämpfen zu beteiligen. Er lebte zurückgezogen von seinen dämonischen Kameraden. Einige Mitschüler hänselten Ryan, weil er sich an nichts beteiligen wollte, vor allem einer der älteren Jungen, welcher schon beinahe am Ende seiner Ausbildung war und von einem Kriegsdämon erwählt wurde. Schon oft hatte dieser damit gedroht, Ryan zu ermorden. „Wenn er das versucht“, kontrolliere ich seinen Körper und lasse ihn qualvoll sterben“, sprach Tyran düster. Ryan schüttelte mit dem Kopf. „Es ist gegen die Regeln, Mitglieder der Akademie zu töten.“ „Er würde dich sofort töten, wenn er eine Chance dazu hätte“, antwortete der Dämonengeist. „Aber ich darf ihn nicht töten, weil er ein wichtiges Mitglied ist“, seufzte Ryan. „Wenn ich dies täte, würde ich von Albin hingerichtet werden.“ Tyran nickte schließlich. „Du bist manchmal klüger als ich“, stellte er fest. Das Klingeln seines Weckers sagte Ryan, dass er sich zur Versammlungshalle begeben sollte. Ihn überkam der unwiderstehliche Drang, sich im Zimmer zu verstecken, doch er wusste, dass er dies nicht tun durfte. Albin würde solch ein Verhalten sehr verärgern und er hätte einen Grund, ihn zu vernichten. Also stand Ryan auf und ging schnellen Schrittes davon. In der Halle setzte er sich nur auf seinen Platz und beachtete keinen seiner Mitschüler oder Lehrer. Albin trat gerade ein, vergewisserte sich, dass alle Mitglieder anwesend waren und stellte sich ans Rednerpult. „Wir haben uns heute versammelt, weil Emilio, Samir, Sandro und Tibor nicht von ihrer Mission, Daria zu ermorden, zurückgekehrt sind. Deshalb müssen wir vermuten, dass sie zu Tode kamen. Wir müssen unsere Taktik ändern. Daher möchte ich einen Assassinen losschicken, welcher das Vertrauen von Daria gewinnen und sie dann in einem günstigen Moment ermorden soll.“ Marc, der Junge, welcher seine Feindseligkeit Ryan gegenüber stets deutlich zeigte, hob die Hand. „Das werde ich übernehmen“, erklärte er. Albin sah den Jungen kurz an, dann verneinte er dies. „Du bist von einem Kriegsdämon auserwählt worden, Marc. Ich kenne dich. Du bist der Mann für das Grobe, ja, aber solche Aufgaben sind nichts für dich. Du bist zu temperamentvoll und würdest den Plan zunichte machen.“ Er sah sich im Raum um, und sein Blick bohrte sich in Ryans. „Bitte nicht mich“, dachte Ryan verzweifelt. „Ryan wird diese Aufgabe übernehmen.“ „Was?“, entfuhr es dem Jungen. „Du hast noch nichts für die Akademie geleistet. Das wird deine erste Prüfung sein. Ich bin mir sicher, dass dir deine Klugheit hilft, das Mädchen zu ermorden.“ „Du musst es annehmen“, sagte Tyrans Gedankenstimme. „Sonst könntest du leicht getötet werden, und ich wäre wieder ohne Begleiter. Wir werden schon einen Ausweg finden.“ Also nickte Ryan, und ein zufriedenes Lächeln lag nun in Albins Zügen. „Dann ist es beschlossen. Ryan wird es tun. Du wirst dich morgen unverzüglich auf den Weg zu Daria machen.“