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Die Auserwählten des Himmels, Kapitel 6

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Kapitel 6: Adinas Rache und ein herber Verlust

Am nächsten Morgen war Samira schon aufgewacht, bevor die Glocke sie weckte. Lynn saß in ihrem Bett, und ihr Blick war in die Ferne gerichtet. Ein nachdenklicher Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, deshalb wollte Samira sie nicht stören und streckte sich ausgiebig, bevor sie nach ihrem Stundenplan griff. „Mal sehen, mit wem ich heute zum Kampftraining eingeteilt werde“, murmelte sie leise und schaute zu ihrer Freundin hinüber. Für einen Moment meinte sie dort, einen erschrockenen Ausdruck zu erkennen, bevor ein entschlossener Ausdruck diesen ablöste. Hatte Samira sich die Angst nur eingebildet? „Habe ich verschlafen?“, fragte Lynn hastig. „Nein, nein. Die Glocke hat noch nicht geklingelt“, antwortete ihre Freundin grinsend. Lynn seufzte erleichtert. „Ich dachte schon…“ Das Läuten der Glocke ließ sie in ihrem Satz innehalten, und die beiden Freundinnen machten sich bereit für die Unterrichtsstunde. Nach dem Morgengebet machte sich Samira hungrig über das Frühstück her, während Lynn nur teilnahmslos in ihrem Müsli herumstocherte. „Was ist los?“, wollte Samira von ihr wissen, doch ihre Freundin schüttelte nur den Kopf. „Ich habe etwas Schlechtes geträumt“, antwortete sie, bevor sie sich wieder an ihr Essen wandte, jedoch ohne etwas zu verzehren. Samira ließ es auf sich beruhen, offenkundig wollte ihr Lynn nicht sagen, worum es ging, und dies respektierte sie auch. Nach dem Essen gingen die Novizen in die Kampfarena und holten ihre Übungsschwerter. Adina und Clarissa kamen gemeinsam herein und flüsterten miteinander, doch aus ihrer Gestik konnte Samira schließen, dass sie sich über irgendetwas nicht einig wurden und miteinander stritten, auch wenn niemand hören konnte, was sie sagten. Kurz darauf wandte sich Clarissa von ihrer Freundin ab, um ebenfalls ihre Übungsschwerter zu holen. Thea kam in den Raum, und augenblicklich wurde es still. „Zuerst werden Adina und Samira gegeneinander kämpfen“, befahl die ehrwürdige Priesterin. Samira lächelte innerlich und wandte sich an Lynn. „Der werde ich es zeigen“, flüsterte sie. Lynn brachte ein Grinsen zustande, welches ihre Augen jedoch nicht erreichte. „Viel Glück“, antwortete sie nur und drückte Samiras Hand. Ihre Augen blickten sie für einen Moment ernst an, und Samira konnte beinahe darin lesen, was sie sagen wollte. „Sei vorsichtig. Adina ist unberechenbar.“ „Ich werde vorsichtig sein“, flüsterte Samira, bevor sie neben ihrer Feindin Aufstellung nahm. „Angriff!“ Die Worte der Lehrerin genügten, und Samira startete den ersten Angriff. Adina parierte den Angriff mit ihrem Schwert. Wut loderte in ihren Augen auf. „Jetzt werde ich dir zeigen, dass ich doch stärker bin als du!“, rief sie, doch Samira ließ sich davon nicht einschüchtern und ging direkt zum zweiten Angriff über. Diesmal traf sie Adina mit dem Schwert an der Schulter. Adina vollführte gleich mehrere Angriffe, doch Samira schaffte es immer, ihnen auszuweichen oder sie zu parieren. „Du wirst nicht gewinnen“, zischte Adina. „Ich bin gerade dabei“, gab Samira nur zurück. „Du bist stark, ja. Aber dir fehlt es an Geschicklichkeit und Schnelligkeit. Alles, was dich leitet, ist nur blinde Wut.“ Adinas Augen begannen zu funkeln. „Sag das noch einmal, dass mir irgendetwas im Kampf fehlt.“ Ihre Stimme klang leise, doch dennoch bedrohlich. Gerade wollte Samira etwas erwidern, als sie einen Luftzug wahrnahm. Dann ging alles ganz schnell. Aus dem Augenwinkel wurde ein Gegenstand aus Metall sichtbar, und Samira realisierte panisch, dass dies ein Messer war, welches direkt auf ihre Brust zielte. Sie würde nicht mehr genug Zeit haben, zu reagieren. Plötzlich wurde sie nach hinten gerissen und fiel auf den Boden. Ein markerschütternder Schrei ertönte direkt vor ihr, und als sie sich aufgerichtet hatte, setzte ihr Herz einen Schlag aus. Lynn hatte sich zwischen sie und Adina geworfen, und das Messer steckte in ihrer Brust. Als Thea Adina wegzog, rannte Samira auf ihre Freundin zu, welche blutüberströmt am Boden lag. „Lynn!“, rief sie und griff nach der Hand ihrer Freundin. „Halte durch!“ Sie konzentrierte alles auf die Wärme in ihrem Körper und ließ diese in die Wunde strömen. Doch was war das? Die Wärme prallte vom Körper ab und wurde wieder auf Samira übertragen. Nur schemenhaft bemerkte sie, dass einige Ordensbrüder Adina von Thea übernahmen und aus der Arena brachten. Thea kam auf Samira zugerannt und stieß sie sanft zur Seite, dann legte sie beide Hände auf den Körper ihrer Freundin und schloss die Augen. Als ein weißes Licht Lynns Körper umgab und in der Luft zu schweben begann, öffnete die ehrwürdige Priesterin traurig ihre Augen wieder. „Es ist zu spät“, flüsterte sie leise. „Ich habe versucht, sie wiederzubeleben, doch ich war zu sehr damit beschäftigt, Adina im Zaum zu halten. Es tut mir Leid, Samira.“ Für Samira fühlte es sich an, als würde ihre Welt vor ihren Augen in tausend Teile zerbrechen. Sicher, sie hatte Lynn noch nicht lange gekannt, doch in den letzten Tagen hatten sie sich angefreundet. Tränenüberströmt kniete sie sich neben ihre Freundin. Dass ihre Robe dabei mit Blut besudelt wurde, war ihr vollkommen egal. „Das darf nicht wahr sein!“, rief sie und schüttelte verzweifelt den Körper ihrer Freundin. Eine sanfte Berührung an der Schläfe holte sie wieder aus ihren Gedanken. „Sie ist weg, Samira. Ihre Seele wird gewiss von Aurora aufgenommen. Sie hat sich für dich geopfert, sonst wärest du jetzt tot.“ „Mir wäre lieber, ich wäre tot, statt meine beste Freundin zu verlieren“, flüsterte Samira. Die ehrwürdige Priesterin blickte Samira besorgt und ernst an. „Das hätte Lynn nicht gewollt“, sagte sie streng. „Und jetzt lass uns die Arena verlassen. In einer Stunde wird ein Erlösungsritual auf der Lichtung stattfinden“, fügte sie etwas sanfter hinzu. Samira nickte und bewegte sich langsam aus der Arena bis in ihr Zimmer. Dabei fühlte sie sich, als würde sie ferngesteuert werden, also nicht selbst ihre Schritte lenken. Lynns Tod hatte in ihren Gedanken und Gefühlen eine Leere hinterlassen. Es fühlte sich an, als wäre Samira in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen, aus welchem es kein Entrinnen gab. Als ihr Blick auf das zweite Bett in ihrem Zimmer fiel, welches nun leer bleiben würde, krampfte sich ihr Herz vor Traurigkeit zusammen. Sie warf sich auf ihr eigenes Bett und starrte zur Decke. „Wie konnte dies alles passieren?“, fragte sie sich, und Schuldgefühle erdrückten sie. „Du hast keine Schuld daran“, versuchte ihr eine andere innere Stimme zu sagen, doch sie konnte darauf nicht hören. „Ich hätte verhindern müssen, dass sie sich opfert“, dachte sie. „Du hättest keine Chance gehabt, es zu verhindern, weil du gar nicht wusstest, dass so etwas passieren würde“, entgegnete ihr Verstand. Samira atmete einige Male ein und aus, um sich ein wenig zu beruhigen. Sobald sie die Augen schloss, sah sie die Szene in der Arena vor sich, also öffnete sie ihre Augen schnell wieder. Ein Klopfen riss Samira aus ihren Gedanken, und Thea stand vor der Tür. „Es ist so weit“, erklärte sie, und sie folgte ihr. Der Körper ihrer Freundin lag in der Mitte der Lichtung, daneben stand eine Steintafel, auf welcher ihr Name zu lesen war. Samira konnte kein Blut mehr erkennen, scheinbar wurde der Körper vorher noch gewaschen und neue Kleidung angelegt. Alle Ordensmitglieder stellten sich in einen Kreis auf und hielten einander an den Händen. Für einen Moment war alles still, bis Thea wieder das Wort ergriff. „Wir erlösen heute Lynn, Novizin des Ordens, welche sich für Samira opferte und durch ein feiges Attentat ums Leben kam.“ Erst jetzt bemerkte Samira, dass Adina nicht hier war. Sie wusste nicht, was mit ihr passiert war, doch sie hoffte, dass sie vernichtet werden würde. „Möge Aurora ihre Seele in ihrem Reich aufnehmen!“, riefen alle im Chor. Dann streckte die ehrwürdige Priesterin eine Hand aus. Weiße Magie sammelte sich darin und hüllte Lynns Körper ein. Geblendet sah Samira weg, und als sie wieder hinschaute, war von ihrer Freundin nichts mehr übrig. „Es ist vollbracht“, sagte Thea, und alle entfernten sich schweigend von der Lichtung. Nur Samira verharrte in ihrer Position. Sie würde ihre Freundin nun nie wieder sehen, und dies versetzte ihr einen Stich der Trauer. Doch dann fiel ihr etwas ein, und ein wenig Freude stieg in ihr auf. „Hoffentlich ist sie noch im Reich der Göttin und wurde nicht wiedergeboren“, dachte Samira. Dann streckte sie ihre beiden Hände nach oben und schuf ein Portal. Gerade als sie es betreten hatte, hörte sie auch schon Schritte, welche sich schnell näherten. „Samira!“, rief eine Stimme, und ihr fiel ein kleiner Stein vom Herzen. Lynn kam angelaufen, und neben ihr lief eine kleine Katze. Samira musste unwillkürlich lächeln. In einer Unterhaltung mit Lynn hatte sie erfahren, dass diese Katzen überaus gerne mochte. Lynn lächelte ebenfalls, doch als sie Samiras verweintes Gesicht sah, wurde ihr Blick ernst. „Bitte sei nicht traurig“, sagte sie und umarmte ihre beste Freundin. „Warum hast du das getan?“, fragte Samira. „Warum hast du dich geopfert?“ Lynn atmete einmal tief durch, bevor sie antwortete. „Ich hatte schon seit drei Tagen Visionen, dass meine Tage bald gezählt sind, doch leider erfuhr ich erst wenige Sekunden vor dem Angriff, was geschehen würde. Irgendetwas in mir wollte dich um jeden Preis beschützen, und ich hatte keine Wahl, andere Möglichkeiten zu durchdenken. Ich musste mich opfern.“ Sie drückte Samiras Hand und gab ihr mit einer Geste zu verstehen, zu folgen. Sie liefen einige Minuten durch den Wald, bis ein kleines Häuschen sichtbar wurde. Auf der Bank vor dem Haus saß ein etwas jüngerer Junge und zeichnete. „Das ist Kelvin, mein kleiner Bruder. Er ist vor zwei Jahren an einer schweren Krankheit gestorben, jetzt haben wir uns endlich wieder.“ Sie umarmte ihn kurz. „Bitte lass uns allein“, flüsterte sie, und der Junge lief davon. Staunend betrachtete Samira das Haus und die verschiedenen Tiere, welche in der Nähe herumliefen. „Wie kam dieses Haus hier her?“, fragte Samira. „Ich habe es mir herbeigewünscht“, antwortete Lynn mit strahlenden Augen. „Herbeigewünscht?“ Samira hob eine Augenbraue. „Ich bin auch noch nicht fertig, aber da ich gesehen habe, dass du bald kommst, musste ich aufhören.“ Sie schloss die Augen, und plötzlich wuchsen viele Blumen rund um das Häuschen herum. „Dies ist die Magie des Himmels“, erklärte sie. Dann deutete sie auf das Haus und öffnete die Tür. Samira folgte ihr und setzte sich neben sie auf ein Sofa, dann sah sie sie erwartungsvoll an. „Ich muss etwas ausholen“, begann Lynn zu erzählen. „Ich weiß nun von Aurora, was ihre Segnung bei mir bewirkt hat. Ich bin nicht besonders stark im Kampf und in der Kampfmagie, dafür habe ich eine einzigartige Begabung. Ich wurde zur Prophetin und kann Visionen empfangen. Die Göttin kann sich dies nicht erklären, aber ich werde versuchen zu lernen, meine Visionen gezielt hervorzurufen. Ich werde hier bleiben, in ihrem Reich. Die Gabe ist so selten, und ich habe das starke Gefühl, sie wird bald gebraucht werden.“ Samira nickte nur, denn sie wusste nicht, was sie hätte sagen können. Außerdem möchte Aurora mehr über meine Begabung wissen, denn sie hatte noch nie eine Prophetin unter den Gesegneten. Selbst sie, so weise und klug, kann nicht in die Zukunft sehen.“ Lynn erhob sich wieder vom Sofa und trat den Rückweg an. Samira folgte ihr, und kurz darauf ließ Lynn einen kleinen See entstehen und sprang ins Wasser. „Komm zu mir!“, rief sie und spritzte ihrer Freundin etwas Wasser ins Gesicht. Samira lachte laut, zog sich aus und gesellte sich neben ihre Freundin. Sie schwammen einige Minuten und genossen die Zweisamkeit miteinander, bis Lynns Gesichtsausdruck wieder ernst wurde. „Du solltest zurück auf die Erde. Alle suchen dich bereits. Das sagt mir zumindest eine Vision. Außerdem wurde mir gesagt, dass ich in der Lage bin, gedanklich mit dir zu sprechen, auch wenn du auf der Erde bist. Wenn ich eine Vision habe, welche dich betrifft, lasse ich es dich auf diesem Weg wissen.“ Sie drückte Samira noch einmal fest an sich. „Versprich mir, dass du mich wieder besuchst“, sagte sie noch. „Das werde ich ganz bestimmt. Danke für alles.“ Mit diesen Worten schuf Samira ein Portal und gelangte auf die Erde zurück.

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