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Wie aus „scheiss die Wand an“ ein architekturphilosophisches Manifest wurde

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Es gibt diese Momente im Internet, in denen man merkt, dass wir als Spezies zwar Satelliten ins All schiessen können, aber emotional immer noch in der Steinzeit wohnen.

Ich scrollte. Ohne Ziel. Ohne Absicht. Und dann stand da dieser Thread-Titel:

„scheiss die Wand an“

Kein Kontext. Nix Meta. Keine Ironie-Markierung. Nur rohe Emotion in Reinform. Das ist kein doppelter Boden. Das ist der Boden selbst. Und darunter kommt nur noch der Erdkern.

Darunter Beitrag 1:

Ja macht das doch endlich maaaaaaaaaal!!!!!!!!!

Das war kein Argument. Das war ein Laut. Ein sehr langer Laut mit Ausrufezeichen.

Beitrag 2:

aber wie denn?

Und genau hier hätte jeder gesunde Mensch weitergescrollt.

Ich schon, nur mein grössenwahnsinniges Hirn nicht.


Innerer Dialog, live protokolliert

Ich: Nein.

Mein Hirn: Doch.

Ich: Das ist Bodenniveau.

Mein Hirn: Exakt. Untersuche es.

Ich: Ich habe Wichtigeres zu tun.

Mein Hirn: Du scrollst seit acht Minuten ziellos durch ein Forum.

Ich: Das ist Entspannung.

Mein Hirn: Das ist intellektuelles Sackhüpfen.

Ich: Wir ignorieren das.

Mein Hirn: Jemand hat gefragt „aber wie denn?“

Ich: Und?

Mein Hirn: Das ist eine methodische Frage.

Ich: Das ist eine Fäkalaufforderung.

Mein Hirn: Das ist ein interdisziplinäres Problem mit ungeklärter Applikationslogistik.

Ich: Nein. Wir schreiben da nichts Wissenschaftliches.

Mein Hirn: Flugbahn.

Ich: Hör auf.

Mein Hirn: Haftreibung.

Ich: Bitte nicht.

Mein Hirn: Diffusionsgeschwindigkeit geruchsaktiver Moleküle.

Ich: Das ist nicht normal.

Mein Hirn: Normal ist Mittelmass.

Ich: Das ist unter deinem Niveau.

Mein Hirn: Dann heben wir es an.

Ich: Ich habe echte Aufgaben.

Mein Hirn: Du hast einen besten Freund, Professor für experimentelle Biophysik. Stell dir vor, er liest diesen Thread und niemand hat die Thermodynamik geklärt.

Ich: Das ist emotionale Erpressung.

Mein Hirn: Das ist akademische Verantwortung.

Ich: Wir machen maximal einen Absatz.

Mein Hirn: Mehrere Disziplinen.

Ich: Ein Witz.

Mein Hirn: Eine Struktur.

Ich: Kurz.

Mein Hirn: Gründlich.

An diesem Punkt war klar: Ich verliere.

Was als absoluter Tiefpunkt begann, wurde zu einem Experiment. Wie weit kann man Unsinn treiben, wenn man ihn komplett ernst formuliert? Ab welchem Punkt kippt Lächerlichkeit in scheinbare Wissenschaft?

Die Antwort: erschreckend schnell.


Der Text (wie gepostet)

Bevor hier weiter vorschnell zur Tat geschritten wird, sollten wir den Vorgang „scheiss die Wand an“ in seiner gesamten Komplexität analysieren. Wir stehen hier nicht vor einem simplen Akt, sondern vor einem multidimensionalen Prozess aus Physik, Ethik, Psychologie, Architektur, Soziologie und möglicherweise sogar Spiritualität.

Zunächst zur physikalischen Komponente.

Es stellt sich die fundamentale Frage nach der Applikationsmethode. Erfolgt die Übertragung im Direktkontaktverfahren, also unter minimalem Abstand zwischen Quelle und Ziel, oder sprechen wir von einer distanzierten Projektion mit parabolischer Flugbahn? Letzteres erfordert eine saubere Betrachtung der Gravitation, der Anfangsgeschwindigkeit, des Abwurfwinkels sowie externer Störfaktoren wie Luftzug oder unvorhergesehener Eigenbewegung des Subjekts.

Die Wand selbst ist ebenfalls nicht trivial. Handelt es sich um Beton, Ziegel, Raufaser, Gipskarton? Die Oberflächenrauheit beeinflusst die Haftreibung erheblich. Eine glatte Latexfarbe könnte zu ungewolltem Abgleiten führen. Bei strukturierter Raufaser droht hingegen eine tiefere Penetration in die Porenstruktur. Das wiederum wirft Fragen der späteren Reinigung auf. Niemand möchte sekundäre Sedimentationszonen im Sockelbereich.

Thermodynamisch betrachtet sollte die Temperaturdifferenz zwischen Substanz und Wand berücksichtigt werden. Eine kalte Wand kann Kondensation begünstigen, was die Diffusionsgeschwindigkeit von Geruchsmolekülen erhöht. Hier betreten wir den Bereich der olfaktorischen Nachhaltigkeit. Wie lange bleibt das Ereignis nachweisbar? Welche Luftwechselrate ist erforderlich, um einen akzeptablen Normalzustand wiederherzustellen?

Nun zur Statik. Jede Wand hat eine Tragfähigkeit. Zwar ist die zusätzliche Masse im Einzelfall vermutlich vernachlässigbar, doch bei wiederholter Durchführung des Vorgangs über längere Zeiträume könnte eine akkumulative Belastung entstehen. Insbesondere bei Altbauten mit bereits vorhandenen Haarrissen wäre Vorsicht geboten. Wir wollen hier keine irreversible Destabilisierung des Mauerwerks riskieren.

Kommen wir zur moralischen Dimension.

Hat die Wand zugestimmt? Nur weil sie nicht widerspricht, bedeutet das keine informierte Einwilligung. Wände kommunizieren auf subtile Weise: durch Risse, durch Feuchtigkeit, durch Schimmelbildung. Vielleicht ist das alles schon ein Hilfeschrei. Wer sind wir, über ihre Würde hinwegzugehen?

Besonders heikel wird es im Mietverhältnis. Eigentumsrechtlich mag man über die eigene Wand verfügen, doch bei fremdem Besitz bewegen wir uns schnell im Bereich der Sachbeschädigung. Die Frage lautet: Ist der Ausdruck individueller Frustration höher zu bewerten als das ästhetische Integritätsinteresse des Vermieters? Eine Grundsatzdebatte ist hier unausweichlich.

Psychologisch sollten wir die Wand ebenfalls ernst nehmen. Stellen wir uns vor, sie hat über Jahre hinweg Bilder getragen, Regale gestützt, vielleicht sogar emotionale Gespräche mitangehört. Sie war Projektionsfläche für Hoffnungen, für Fernsehabende, für Schatten. Und nun das. Welche langfristigen Folgen entstehen? Verlust von Vertrauen? Innere Erosion? Passiv-aggressives Abbröckeln im Winter?

Auch auf Seiten des Handelnden können Spätfolgen auftreten. Was bedeutet es für das Selbstbild, eine Wand bewusst anzuscheissen? Ist es ein Akt der Befreiung? Eine Katharsis? Oder der Beginn einer Eskalationsspirale, an deren Ende ganze Fassaden betroffen sind? Der Übergang von Innenwand zu Aussenwand markiert gesellschaftlich eine neue Qualität.

Soziologisch betrachtet entsteht durch diesen Akt ein Verhältnis zwischen Individuum und gebauter Umwelt. Die Wand wird vom neutralen Bauelement zum moralischen Gegenüber. Sie wird Teil einer Beziehung, die vorher nicht existierte. Diese Beziehung basiert auf Grenzüberschreitung. Und jede Grenzüberschreitung verändert beide Seiten.

Spirituell könnte man argumentieren, dass die Wand ein Spiegel ist. Wer sie anscheisst, konfrontiert letztlich sich selbst mit den eigenen Impulsen. Die Wand bleibt stehen. Sie urteilt nicht. Sie trägt. Vielleicht ist ihre stille Präsenz die eigentliche Provokation.

Abschliessend muss die ästhetische Frage geklärt werden. Querformat oder Hochformat? Minimalistisch oder expressionistisch? Ein einzelner Punkt oder eine flächige Intervention? Ab wann wird es Performancekunst? Ab wann braucht es eine Vernissage?

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der scheinbar einfache Imperativ „scheiss die Wand an“ entpuppt sich bei genauer Betrachtung als hochkomplexes, systemübergreifendes Ereignis mit erheblichen physikalischen, moralischen und psychologischen Implikationen. Eine vorschnelle Durchführung ohne gründliche Evaluation wäre fahrlässig.

Die Wand steht seit Jahrhunderten als Symbol für Stabilität. Vielleicht sollten wir sie nicht leichtfertig in existenzielle Krisen stürzen.

Aber wenn doch, dann bitte mit sauber berechneter Flugkurve.

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