Kapitel 2: Die Suche nach dem Drachen
Lilia erwachte, als sie einen Ruck spürte. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie eingeschlafen war, und als sie sich umsah, war die Sonne bereits verschwunden. Die Drachenreiter hielten Laternen in den Händen, um ihren Weg zu erleuchten, und erst jetzt bemerkte das Mädchen, dass sie sich bereits wieder auf festem Boden befand. „Steig ab“, befahl Adrian ihr, und Lilia tat es. Sie befanden sich nun in einem riesigen Wald und liefen einen Pfad entlang, bis sie ein großes Haus erblicken konnten. „Morgen werdet ihr euren Drachen finden“, sagte einer der Drachenreiter. „Bis dahin werdet ihr in diesem Quartier untergebracht, denn wenn ihr erst einmal einen Drachen gefunden habt, werdet ihr je nach dem Element eures Drachen aufgeteilt.“ Alle betraten das Haus, und der Drachenreiter zeigte auf zwei Türen. „Hier schlafen die beiden Jungs und hier die Mädchen“, erklärte er. Lilia ging zu den beiden Mädchen, welche bereits das Zimmer betraten und betrachtete sie genauer. Sie waren viel stolzer und sogar muskulöser als Lilia selbst, was sie wieder an sich zweifeln ließ. Dennoch betrat sie ebenfalls das Zimmer und legte sich müde in das freie Bett. „An deiner Stelle würde ich mir überlegen, ob ich Drachenreiterin werden will“, sagte das Mädchen neben ihr. Lilia wusste von einem Gespräch, dass sie Asra hieß und fast 18 war. „Wieso?“, fragte Lilia. Asra betrachtete Lilia von oben bis unten. „Du siehst ziemlich schwächlich aus“, erklärte ein anderes Mädchen, dessen Namen Lilia nicht kannte. „Außerdem verabscheust du Gewalt. Ich habe gesehen, wie du blass wurdest, als die Drachenreiter dich geholt haben.“ Lilia nickte nur stumm. „Ich weiß, aber wenn dies nun einmal meine Bestimmung ist, dann kann ich dies nicht ändern.“ Mit diesen Worten beendete sie das Gespräch und schloss die Augen, um ein wenig Schlaf zu finden.
Eine Glocke weckte Lilia, und sie sah gähnend aus dem Fenster ihres Zimmers. Die Sonne war gerade dabei, aufzugehen, und einige Drachen flogen draußen bereits umher. Ihre beiden Kameradinnen waren bereits wach und dabei, sich im Waschraum zu waschen, welcher direkt neben dem Zimmer war. Lilia wartete, bis die Mädchen fertig waren und tat es ihnen gleich. Nachdem sie sich angezogen hatte, folgte sie den Anwärtern in den Speisesaal, wo ein herrliches Frühstück aus Brot, Obst, Fleisch und Tee aufgetischt wurde. Beherzt griff sie nach einem Brot, bestrich es sich mit Marmelade und setzte sich an einen freien Tisch. „Guten Morgen“, begrüßte Adrian sie. Er saß zwei Tische weiter, um die Anwärter zu beaufsichtigen. Lilia winkte ihm kurz zu, bevor sie sich ihrem Essen widmete. „Nach dem Essen“, erklärte Adrian, „werdet ihr euch alle auf der Lichtung einfinden, wo wir gestern gelandet sind. Ich hoffe, ihr habt euch den Weg gemerkt, aber wenn nicht, könnt ihr bei mir eine Karte erhalten. Diese werdet ihr ohnehin brauchen, um euch im riesigen Drachengebiet nicht zu verlaufen.“ Er teilte die Karten aus, als alle mit ihrer Mahlzeit fertig waren. Lilia verließ als Erste ihren Platz und machte sich auf den Weg. Für den Weg zur Lichtung benötigte sie keine Karte, denn ihr Orientierungssinn war sehr gut ausgeprägt. Als sie ankam, stand Adrian bereits vor ihr und lächelte erfreut. Kurz darauf trudelten auch die anderen vier Anwärter ein. „Bevor ihr euch auf den Weg macht, gibt es etwas, was ihr wissen müsst. Die Drachen leben in verschiedenen Stellen des Gebietes. Weit im Norden existiert eine Eiswüste, das Zuhause der Eisdrachen. Etwas weiter südlich findet ihr einen Vulkan, wo die roten Feuerdrachen leben. Die Wasserdrachen leben weit westlich, dort, wo das Meer zu sehen ist, und die Luftdrachen im Osten auf einem hohen Gipfel. Hier ist Klettererfahrung Voraussetzung. Außerdem gibt es noch eine wichtige Regel. Haltet stets einen respektvollen Abstand zu Drachen und sucht den Blickkontakt niemals aktiv. Senkt euren Blick, und wenn der Drache sich nähert und euch mustert, wartet, bis er euren Blick sucht. Wenn er euch erwählt, wird er geistigen Kontakt zu euch aufnehmen, ansonsten wird er seinen Blick wieder abwenden und ihr könnt gehen.“ Adrian hob eine Hand und gab das Zeichen, dass sie losgehen konnten. Während die anderen Anwärter sofort in alle Richtungen davonliefen, blieb Lilia noch einen Moment stehen, um nachzudenken. Sie liebte das Klettern, also schlug sie den Weg nach Osten ein. Der Wald der Drachen war wunderschön, denn es wuchsen viele Bäume. Immer wieder blieb das Mädchen stehen und bewunderte die Baumriesen, welche sich in den Himmel erhoben. Sie hörte Flügelschläge, und ein brauner Drache landete dicht neben ihr. Schnell senkte Lilia den Blick und wartete darauf, was der Drache jetzt tun würde. Für einen Moment musterte er sie und sah ihr in die Augen, doch kurz darauf schüttelte er seinen Kopf und schaute sich suchend um. Scheinbar suchte er nach einem Anwärter, welchen er binden wollte. Lilia entfernte sich von dem Drachen und ging weiter in östliche Richtung, doch plötzlich sagte ihr ein Gefühl, vom Weg abzukommen und weiter durch das dichte Unterholz zu laufen. Ihre Beine taten einfach, was ihr Gefühl verlangte, und bald wurden die Bäume und Sträucher um sie herum immer dichter. Obwohl ihr Verstand sie zur Umkehr bewegen wollte, ging sie immer weiter durch das dichte Gewirr von Ästen und Zweigen. Lilia wusste nicht, wie weit sie schon so gelaufen war, denn sie sah kaum noch Sonne zwischen den Bäumen hindurchschimmern. Auf einmal sah sie jedoch etwas Weißes, was sie nicht einzuordnen vermochte. Ihre Instinkte wollten, dass sie sich diesem Etwas näherte, und sie gab diesem Gefühl nach. Nach wenigen Minuten stand sie vor einem riesigen, einsamen Baum. Unter dem Baum saß… Sie riss ihre Augen vor Staunen weit auf, denn es war ein weißer Drache! Moment mal! Weiß? Diese Farbe wurde von Adrian nicht erwähnt, oder? Lilia dachte nach, doch sie konnte sich daran nicht erinnern. Nun hob der Drache den Kopf und blickte ihr direkt in die Augen. Dann hörte sie eine weibliche Stimme in ihrem Kopf. „Ist es wichtig, welche Farbe ich habe?“, fragte sie, und Lilia schüttelte ihren Kopf. „Das ist gut, denn ich möchte dich zu meiner Reiterin auserwählen.“ Freude stieg in Lilia auf, auch wenn sie noch nicht wusste, welche besondere Art von Drachen sie gefunden hatte. „Noch nie zuvor ist ein weißer Drache jemals vor einen Menschen getreten. Wir sind Einsiedler, solltest du wissen, und wir verabscheuen die Gewaltbereitschaft der Drachen und ihrer Reiter. Ich habe deinen Geist studiert, Lilia. Deshalb weiß ich, dass du auch nicht gewaltbereit bist. Kaum jemand von den Reitern weiß um die weißen Drachen, sie glauben, wir sind nur eine Legende.“ „Welche Fähigkeiten besitzt du und über welches Element kannst du gebieten?“, fragte Lilia neugierig. Die weiße Drachendame ließ ein Lachen in ihren Gedanken erklingen. „Ich brauche kein Element, wenn ich nicht kämpfe“, antwortete sie nur. „Meine Fähigkeiten wirst du im Laufe der Zeit kennenlernen, wenn wir einander vertrauen und unsere Bindung stark genug ist. Bist du bereit, dich mit mir zu verbinden?“, fragte die Drachin. Lilia nickte ohne zu zögern. „So sei es. Mein Name ist Drakara. Bitte setze dich auf meinen Rücken. Ich werde mich wohl erst daran gewöhnen müssen, dass ich nicht mehr so zurückgezogen leben kann, wie vorher, aber deine Anwesenheit ist es mir Wert. Die Drachenreiter werden entscheiden, in welchem Haus du untergebracht wirst.“ Lilia nickte und schwang sich mit Leichtigkeit auf den Rücken ihres Drachen. Sofort hob Drakara vom Boden ab und flog zur Lichtung zurück. Als sie landete, stießen alle Drachenreiter staunende Laute aus und machten Platz. „Die Legende der weißen Drachen, sie ist wirklich wahr!“, rief einer der älteren Drachenreiter. Lilia stieg von Drakara ab und stellte sich vor sie. Sie entdeckte Asra, welche einen eisblauen Drachen gefunden hatte und hocherhobenen Hauptes neben ihm stand. In den nächsten Minuten kamen auch die restlichen Drachenreiter auf einem roten, einem ozeanblauen und einem grünen Drachen herbeigeflogen und stellten sich ebenfalls neben ihre Drachen. „Da es für weiße Drachenreiter noch kein Quartier gibt, wirst du im Quartier der braunen Drachenreiter ein Zimmer erhalten“, erklärte der ältere Mann. „Ich heiße Justus und bin der Leiter dieser Drachenreitschule“, fügte er hinzu. Lilia nickte nur. „Wenigstens bleiben wir im Wald und müssen nicht zum Vulkan oder zu den Eisdrachen“, meldete sich Drakara zu Wort, was Lilia ein Grinsen entlockte. „Weiße Drachen fühlen sich wie die braunen Erddrachen im Wald am Wohlsten“, erklärte die Drachendame. „Fliegt nun zu euren Quartieren“, erklärte der Drachenreiter. „Die Drachen wissen, wo ihr hingehört.“ Lilia stieg auf den Rücken von Drakara, und sie flogen zu dem Haus der Erddrachen. Dort standen bereits zwei größere Drachenreitschüler, um den Neuankömmling zu begrüßen. Als sie den weißen Drachen sahen, sahen sie einander verdutzt an. Eine junge Drachenreiterin stand daneben und winkte Lilia mit einem freundlichen Lächeln zu. „Mein Name ist Aida, ich bin eine vollwertige Drachenreiterin der Erddrachen. Ich habe gehört, dass du zu uns kommen wirst“, sagte sie an Lilia gewandt. Dann richtete sie ihre Worte an die anderen Schüler. „Ich weiß, ihr seit verwirrt darüber, dass eine weiße Drachenreiterin unter uns lebt, aber ihr werdet damit umgehen lernen.“ Lilia stieg vom Rücken ihrer Drachin und folgte der Reiterin ins Haus. „Kommst du hier alleine klar?“, wollte Drakara wissen. „Dann fliege ich zurück zu meiner Drachenhöhle.“ Lilia nickte ihrer Drachendame im Geiste zu, und nachdem diese ihr versichert hatte, dass sie auch aus der Ferne miteinander kommunizieren konnten, war Lilia etwas beruhigter. Aida wies auf ein leeres Zimmer am Ende des Ganges. „Das wird dein Zimmer sein, Lilia. In einer Stunde werde ich dich abholen und wir gehen zu Fill, unserem Rüstungshersteller. Er wird die Größe deiner neuen Rüstung bestimmen.“ „Rüstung?“, fragte Lilia besorgt. „Als Drachenreiter müsst ihr Rüstungen tragen, denn spätestens nach eurer Ausbildung werdet ihr auch in einem Krieg kämpfen müssen. Ihr werdet das Kämpfen auch üben.“ Mit diesen Worten winkte die Reiterin noch einmal und schloss dann die Tür von außen. Nun war Lilia alleine, und alles in ihr sträubte sich dagegen, zu kämpfen. „Diese mordlustigen Bestien“, hörte sie Drakaras Gedankenstimme ihr Missfallen ausdrücken. Lilia seufzte tief und nickte. „Was würden die weißen Drachen tun, wenn ihr oder euer Reiter angegriffen wird?“ Drakara ließ sich mit einer Antwort etwas Zeit. „Ich werde dich um jeden Preis beschützen, Lilia. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ich mich sofort zu einem Angriff hinreißen werde. Weiße Drachen haben jedoch gute Schutzzauber, mit denen wir uns und unsere Reiter schützen können. Wir versuchen, unsere Gegner zu beruhigen und zu Verhandlungen zu überzeugen. Erst, wenn diese Mittel ausgeschöpft sind, werden wir kämpferisch tätig. Bisher kam es zum Glück noch nie zu einen Kampf mit den andersfarbigen Drachen, auch wenn wir ihnen nicht vertrauen und uns zurückziehen. Trotzdem haben wir natürlich auch Kampffähigkeiten, falls es doch einmal zu einem Kampf kommen sollte. Diese Fähigkeiten werde ich dir aber erst zeigen, falls wir uns tatsächlich einmal in einem richtigen Kampf befinden, nicht nur in einem Kampf gegen andere Drachenreiter. Die ersten Fähigkeiten werden sich in dir entfalten, sobald ich dir zutraue, damit richtig umgehen zu können. Jetzt möchte ich erst einmal schlafen, denn ich bin seit drei Tagen wach. Drachen halten zwar viel aus, aber ganz ohne Schlaf können sie doch nicht leben.“ Mit diesen Worten beendete die Drachendame das Gespräch, und bald darauf vernahm Lilia die regelmäßigen Atemzüge der Drachendame in ihrem Geist. Sie zog sich davon zurück, da klopfte es auch schon an der Tür. Aida wartete auf sie, und sie verließ das Zimmer. Gemeinsam liefen sie zur Werkstatt eines freundlichen Mannes. Er lächelte, als er sie einließ und musterte Lilia neugierig. „Eine weiße Drachenreiterin also“, stellte er fest. „Ich gratuliere dir. Bisher waren die weißen Drachen für uns nicht mehr als eine Legende.“ Lilia lächelte, dann holte der Rüstungshersteller ein Maßband hervor, um die Größe der Rüstungen zu bestimmen. „Es wird etwa zwei Tage brauchen, bis ich die Rüstungen für dich gefertigt habe“, erklärte er ihr. Lilia dankte Fill und verließ die Werkstatt. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in ihr breit, und die Angst, kämpfen zu müssen, ließ ihr Herz rasen. Aida entging dies nicht, und sie sah das Mädchen fragend an. „Ich kann mir nicht vorstellen, zu kämpfen“, sagte Lilia mit rauer Stimme. Ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Aida schenkte ihr ein kleines Lächeln. „Du bist scheinbar ganz anders als die anderen Drachenreiter. Wir werden sehen, was die weiße Drachenmagie dir noch für Fähigkeiten und Überraschungen bringen wird.“ Mit diesen Worten verschwand sie, und Lilia blieb vor dem Quartier stehen. Sie brauchte frische Luft und einen klaren Kopf, also atmete sie einige Male tief durch. „Ah hier bist du, Lilia!“ Die Stimme gehörte Adrian, welcher begleitet von Dragomir durch den Wald lief. Diesmal saß er jedoch nicht am Rücken seines Drachen. „Ich habe den Stundenplan für den Unterricht für dich“, sagte er und überreichte ihr eine Schriftrolle. „Danke“, antwortete Lilia. Der junge Mann musterte sie kurz. „Ich verstehe, dass dies alles neu für dich ist und du nicht kämpfen willst. Versuch zumindest, deine Angst vor dem Kampf ein wenig abzulegen, denn du wirst es brauchen. Die Drachenreiter sind streng, was den Kampf angeht, und es wird harte Prüfungen geben. Zuerst werdet ihr nur mit Übungswaffen trainieren, doch in der ersten Kampfprüfung geht es um Leben und Tod, Lilia. Du musst kämpfen, etwas Anderes wird dir nicht übrig bleiben. Ich will dir keine angst machen, dich aber warnen.“ Er sah sie noch einmal eindringlich an, bevor er winkend davonlief. Lilia blieb nachdenklich und verwirrt zurück. „Mach dir keine Sorge. Wir finden einen Weg, wie du diese verdammte Prüfung lebend überstehst“, erklärte Drakara, und ein Gefühl der Ruhe machte sich in ihrem Geist breit. Lilia warf ihrer Freundin ein dankbares Lächeln zu, dann ging sie in ihr Zimmer, denn sie war geistig erschöpft.
Am nächsten Morgen wachte Lilia schon vor dem Glockenschlag auf. Sie entrollte ihre Schriftrolle und studierte den Stundenplan. Der größte Teil des Unterrichts fand im Hauptquartier der Drachenreiter auf der Lichtung statt, nur das Fach „Magie der braunen Drachen“ fand in einem Raum ihres Quartiers statt. Die erste Stunde an diesem Tag war Drachenkunde, das freute Lilia, denn da konnte sie neue Informationen über die Drachen sammeln. Doch beim Anblick der zweiten Stunde auf ihrem Plan stockte ihr der Atem. „Kampftraining“ stand da. „Es werden nur Übungswaffen eingesetzt“, rief sie sich ins Gedächtnis. Dennoch verschwand ihre Angst nicht zur Gänze. Um sich abzulenken, wusch sie sich erst einmal und schlüpfte in ihre Kleidung. „Guten Morgen, Lilia“, sagte Drakara, und das Mädchen erwiderte den Gruß. Dann trat sie aus ihrem Zimmer hinaus in den Speisesaal, wo bereits ein Frühstück für die drei braunen Drachenreiter wartete. Als Lilia entdeckte, dass der Tisch und das gesamte Quartier eigentlich für fünf Drachenreiter ausgelegt wurde, wurde ihr kalt bis auf die Knochen. Was Adrian gesagt hatte, war wahr. Die Drachenreiter siebten Schwächlinge von Vornherein aus. Zwei Köpfe wandten sich bereits zu ihr um, und ein Mädchen bot ihr einen Platz neben sich an. „Ich bin Kiana“, erklärte sie. „Lilia.“ Mehr sagte Lilia nicht, denn sie wusste nicht, was sie hätte sagen können. In Smalltalk war sie noch nie gut gewesen. Also griff sie nach Brot und Marmelade und setzte sich. „Welche Kampffähigkeiten hat deine weiße Drachenfrau?“, begann Kiana das Gespräch erneut. „Ich weiß es noch nicht.“ Kiana patschte sich an die Stirn. „Natürlich! Du wurdest erst gestern gebunden, und dein Drache wird noch ein wenig warten, bis er dir Fähigkeiten verleiht. Ich habe bereits zwei Fähigkeiten. Erdpfeile und Sandsturm.“ Lilia konnte den Stolz in Kianas Stimme hören, und etwas in ihr wollte nicht mit einem Mädchen sprechen, welches sich so für den Kampf begeisterte. Dennoch fand sie Kiana auf eine seltsame Art nett. „Du solltest deine Sympathie ihr gegenüber überdenken, denn vielleicht wird sie einmal gegen dich kämpfen“, mischte sich Drakaras Gedankenstimme ein. Lilia nickte und schwor sich, niemandem zu viel Vertrauen zu schenken. „Das ist eine gute Entscheidung“, lobte die Drachin. Den Rest des Essens verbrachte Lilia schweigend. Als sie fertig war, winkte sie nur kurz und entfernte sich, denn draußen wartete bereits Drakara, um sie zur Lichtung zu fliegen. Dort angekommen registrierte sie, dass sie die Erste war. „Die anderen Schüler verbringen sicher noch Zeit damit, miteinander zu reden und mit ihren Fähigkeiten zu prahlen“, meinte die Drachendame, und es klang verächtlich. „Ich hoffe, dass du unsere Fähigkeiten niemals so offen zur Schau stellst“, ergänzte sie warnend, und Lilia lachte auf. „Niemals würde ich das tun“, antwortete sie, und Drakara war zufriedengestellt. Nun näherten sich auch die anderen Schüler ihres Jahrgangs auf ihren Drachen, und zuletzt schritt Adrian auf sie zu. „Ihr werdet nun Drachenkunde bei mir haben“, begann er zu berichten. Dann teilte er jedem ein Buch aus. „Dies ist das wichtigste Buch, welches ein Drachenreiter in seiner Ausbildung auswendig lernen muss. Es wird strenge Prüfungen geben, denn dies sind die Regeln im Umgang mit Drachenreitern und Drachen. Ihr werdet die Drachenreitergesetze lernen und auch die Grenzen der Drachenmagie. Insgesamt gibt es 10 Drachengesetze und 30 Tugenden, die zwar keine Gesetze, aber dennoch wichtig für uns sind. Für den Anfang reicht es mir, dass ihr die zehn Gesetze lernt. Wenn ihr Fragen habt, wendet euch an mich.“ Lilia sah, wie die Drachen abhoben und sich entfernten, auch Drakara. Dann ging sie mit den anderen Schülern und Adrian in das Haus und dort in ein Unterrichtszimmer. Lilia wartete, bis die anderen Schüler sich gesetzt hatten, dann setzte sie sich an einen Tisch, welcher noch vollkommen unbesetzt war und begann zu lesen. „Drachengesetz §1: Drachenreiter haben einander zu respektieren. Drachengesetz §2: Es ist ihnen strengsten untersagt, einander oder den Drachen eines anderen Reiters anzugreifen, es sei denn, sie befinden sich in einer Kampfprüfung. §3: Drachenreiter müssen mit ihrem eigenen Drachen sorgsam umgehen. Sie dürfen ihn nicht zu Dingen zwingen, welche er nicht möchte oder ihn verletzen oder töten. §4: Die Drachenreiter und ihre Drachen sollen gleichberechtigt existieren, das bedeutet, dass der Reiter seinen Drachen immer zu respektieren hat. §5: In einem Krieg sind Drachenreiter dazu verpflichtet, stets den Befehlen des Heerführers zu gehorchen. §6: Für Schüler gilt §5 ebenfalls im Bezug auf deren Lehrer. §7: Drachenreiter dürfen stets nur die für sie gefertigte Rüstung tragen. §8: Zusammenhalt wird unter den Drachenreitern groß geschrieben. Ein Drachenreiter, welcher gegen den Rest der Truppe arbeitet, wird bestraft. §9: Drachenreiter, welche ein Verbrechen an anderen Drachenreitern, Drachen oder anderen Menschen begehen, werden verbannt und verlieren die Bindung zu ihrem Drachen. §10: Während der Ausbildung der Drachenreitschüler ist Kontakt zur Außenwelt, einschließlich zur Familie strengstens untersagt.“ Bei diesem Gedanken durchzuckte Lilia ein Stich des Heimwehs. „Ich bin jetzt deine Familie“, sagte Drakara in ihrem Kopf und spendete ihr etwas Trost. „Ja, das bist du wahrhaftig“, antwortete Lilia.