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Die unsichtbaren Gefährten, Kapitel 2

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Kapitel 2: Die neue Mitschülerin

Das Klingeln ihres Weckers riss Daria aus dem Schlaf. Müde rieb sie sich die Augen und stand langsam auf. „Aufstehen!“, hörte sie die Gedankenstimme ihres Katers, welcher zwischen ihren Füßen herumschlich. „Guten Morgen!“, rief sie ihm zu und streichelte ihn kurz zur Begrüßung. In der Küche saß bereits ihre Mutter Patricia und trank ihren Morgentee. „Guten Morgen! Was war gestern los mit dir? Du hast dich gar nie blicken lassen, sogar das Abendessen hast du nicht angerührt.“ Daria überlegte, was sie sagen sollte. Das, was ihr gestern passiert war, konnte sie nicht erzählen, denn ihre Mutter würde dies nur als Spinnerei abtun. „Ich war müde und hatte Kopfschmerzen“, log sie stattdessen. „Gab es wieder Ärger in der Schule?“ Daria sagte nichts, doch ihre Mutter kannte sie in und auswendig. Sie konnte ihr nichts vormachen. Patricia seufzte tief. „Ich wäre so glücklich, wenn du endlich Anschluss finden würdest“, sagte sie und strich ihrer Tochter über die Wange. Ein Stich der Traurigkeit durchzuckte Daria. Sie war nicht traurig darüber, keinen Anschluss gefunden zu haben, da sie sich schon damit arrangiert hatte, doch die Vorstellung, die Erwartungen ihrer Mutter nicht zu erfüllen, schmerzte sie ein wenig, auch wenn ihre Mutter es nur gut mit ihr meinte. „Ich habe dir dein Lieblingsmüsli gemacht“, sagte die Mutter nun, und Daria griff zu. „Hast du Kian schon gefüttert?“, fragte Patricia nach dem Essen. „Noch nicht“, antwortete Daria. „Dann werde ich das übernehmen.“ Mit diesen Worten schnappte sich die Mutter das Katzenfutter und eine Schüssel, dann begab sie sich damit in das Jugendzimmer. „Kian!“, rief sie laut, dann noch ein zweites Mal. „Er ist nicht im Zimmer“, sagte sie, nachdem sie das Futter abgestellt und zurück in die Küche gegangen war. Daria sah sich um, doch sie sah ihren Kater nirgendwo. „Sicher ist er wieder nach draußen gegangen oder verkriecht sich“, sagte sie schließlich. Daria war es bereits gewohnt, dass Kian ab und zu nicht auffindbar war. Sie hatte auch schon Überreste von toten Mäusen bei ihm gefunden, scheinbar ging er öfter jagen. Daria zog sich ins Bad zurück und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Dies machte sie etwas munterer. Nach der Körperpflege packte sie ihren Rucksack und machte sich auf den Weg in die Schule. Sie hielt inne, als sie ein Knurren vernahm. Zuerst leise und weit weg, doch es wurde immer lauter und bedrohlicher. Daria hatte schon immer Angst vor Hunden gehabt, doch sie hatte gelernt, dass man niemals weglaufen sollte, wenn ein Hund kam, sondern still und ruhig bleiben sollte. Dann kam der Hund in Sicht, doch so etwas hatte sie noch nie gesehen. Das Fell des Hundes war blutrot, und seine Augen sahen sie gierig an. Mit einem Satz war er bei Daria und schnappte nach ihr. Sie konnte gerade noch ausweichen. „Verschwinde!“, rief sie, doch der Hund ließ sich davon nicht beirren. Er fletschte die Zähne und griff sie noch einmal an, doch bevor er ihren Arm erreichte, wurde ein lautes Fauchen hörbar. Eine riesige Wildkatze stürzte sich auf den Hund. Die beiden rollten ineinander verschlungen über die Wiese und kämpften auf Leben und Tod. „Ich werde dich vor diesem Monster retten!“ Es war Kians Gedankenstimme, doch dieses Tier hatte nichts mit Darias kleinem Kater gemeinsam. Dies war eine der wildesten Katzen, welche sie je gesehen hatte. „Das ist meine Magie“, erklärte Kian. „Damit kann ich mich in etwas Stärkeres verwandeln.“ Er machte kurzen Prozess und zerteilte den Hund mit seinen Krallen in mehrere Teile, bevor er sich erhob und verschwand. Was zur Hölle war hier passiert? Die Frage schwirrte Daria die ganze Zeit durch den Kopf, als sie sich auf den Weg zur Schule machte. Währenddessen nahm sie Verbindung zu Xantarius auf und wollte ihm erzählen, was geschehen war. „Ich habe es bereits gesehen“, erklärte der Drache, welcher scheinbar gerade dabei war, Pflanzen für ein Drachenfrühstück zu sammeln. „Was war das für ein Hund? Ich habe noch nie einen Hund mit blutrotem Fell gesehen!“ „Das wirst du erfahren, wenn es an der Zeit ist“, erklärte der Drache, und bevor sie etwas sagen konnte, trennte er die Verbindung. Fluchend ging Daria weiter und setzte sich kurz vor Unterrichtsbeginn an ihren Einzeltisch. Niemand hatte bisher neben ihr sitzen wollen, also blieb sie alleine, was sie jedoch keineswegs störte. Als es klingelte, kam die Klassenlehrerin herein, die die Schüler alle nur Frau Lehrerin nannten, weil der Lehrerin ihr Nachname zu peinlich war. Doch anstatt die Tür zu schließen, wartete sie einen Moment, und jemand kam in die Klasse. Es war ein Mädchen, welches auf zwei Krücken unterwegs war. Als sie die Schüler sah, lächelte sie freundlich. „Das ist Diana“, erklärte die Lehrerin. „Sie hat eine Gehbehinderung, also nehmt etwas auf sie Rücksicht. Wo möchtest du dich hinsetzen?“ Diana sah sich im Raum um, und zu Darias Verwunderung steuerte sie zielstrebig auf den Platz neben ihr zu. „Ich würde gerne hier sein“, erklärte sie. „Frag Daria, ob sie damit einverstanden ist. Sie ist Autistin, musst du wissen, und Autisten reagieren oft sehr stark auf Veränderungen.“ Daria wusste nicht warum, doch etwas tief in ihr wollte, dass sich Diana zu ihr setzte. Also stimmte sie zu, und Diana nahm Platz. Im Deutschunterricht konnte sich Daria kaum konzentrieren. Noch nie hatte sie es erlebt, dass sich ein Mädchen zu ihr setzen wollte. Ein noch nie dagewesenes Gefühl der Freude stieg in ihr auf. „Daria! Nicht träumen!“, rief die Lehrerin ihr zu, und schnell konzentrierte sie sich wieder auf ihre Aufgabe. In der zweiten Stunde kam Daniel, der Mathematiklehrer ins Klassenzimmer. Das Besondere an ihm war, dass er nur mit Vornamen angesprochen werden wollte und früher eine Frau war. Seine Schüler kannten ihn noch als Frau, deshalb machten sie sich lustig über ihn. Seine Ehrlichkeit und Offenheit hatte leider das Gegenteil bewirkt, nur Daria respektierte ihn so, wie er war, unabhängig von seinem Geschlecht. „Hallo Daniela!“, riefen die Schüler im Chor, und Daria musste gegen ihre brodelnde Wut kämpfen. „Hört endlich auf damit!“, rief sie schließlich, doch die Mitschüler ließen sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Es ist schäbig, was ihr da tut!“, rief nun auch Diana. „Du hast nichts zu melden!“, rief Pascal, welcher bei den Streichen und Mobbingattacken meist die Hauptrolle spielte. „Oh doch! Ich bin ebenfalls anders, und Daria auch. Wir mögen es nicht, dass man Menschen verspottet, die auch anders sind!“ „Du bist uncool!“, rief Pascal nun und sah Diana verächtlich an. „Ihr seit selbst uncool!“, gab Diana wütend zurück. „Ruhe!“ Die Stimme des Lehrers schallte durch den Raum, dann wandte er sich zu den anderen Schülern. „Denkt mal über die Worte von Daria und Diana nach. Sie sind zwar anders als die Anderen, dafür sind sie klüger und anständiger. Vergesst das nicht. Und jetzt lasst uns zur Tagesordnung übergehen. Wer hat seine Hausaufgaben erledigt?“ Daniel hatte die bewundernswerte Gabe, sich nicht von solchen Bemerkungen aus der Fassung bringen zu lassen. Er war stets ruhig und beherrscht, doch wegen ihres Autismus konnte Daria nicht sagen, ob nicht vielleicht doch etwas in ihm brodelte. Sie konnte nur die einfachsten Mimiken wie Freude, Traurigkeit und Wut lesen, wenn sie sehr deutlich waren. Da Mathematik ihr Lieblingsfach war, arbeitete sie sehr konzentriert. Nach dieser Stunde war die große Pause, und sie zeigte Diana den Hof, bevor sie sich auf eine Bank setzten. „Die nächsten beiden Stunden werden der Alptraum“, murmelte Daria leise. „Wieso?“, fragte Diana. „Ich hasse Sportunterricht mit Frau Weber“, erklärte sie. „Sie ist streng und verlangt so viel von uns ab.“ Dianas Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. „Da habe ich Glück. Ich bin vom Sport befreit.“ „Schade, warum das?“, fragte Daria. Diana seufzte. „Ich würde liebend gerne etwas Sport machen, doch ich darf wegen meiner Muskelkrankheit nicht.“ „Das tut mir Leid“, antwortete Daria, doch Diana zuckte nur mit den Schultern.

Diesmal war der Sportunterricht noch schlimmer als sonst, denn da eine Lehrerin krank geworden war, mussten zwei Klassen parallel unterrichtet werden. Daria wurde es bald zu viel, sodass sie sich auf eine Bank am Rande des Geschehens setzte und die Augen schloss. „Xantarius?“, fragte sie, und der Drache tauchte auf. „Eigentlich solltest du im Unterricht mitmachen“, erklärte der Drache. „Sportlich zu sein kann ein Vorteil sein.“ Daria schüttelte ihren Kopf. „Ich sehe keinen Vorteil darin, 100 Liegestütze zu machen und dann auch noch zehn Runden zu laufen.“ Ein leises Lachen ertönte in ihren Gedanken. „Wie geht es deinem Drachenkind?“, fragte Daria. „Du meinst, dem Ei, welches meine Frau Kaya brütet? Ich zeige es dir.“ Sofort fand sich Daria vor der großen Höhle wieder, und der grüne Drache flog hinein. Kaya beäugte das Mädchen kurz, als sie Xantarius folgte, doch als der Drache ihr sagte, dass er Daria auserwählt hatte, wurde sie freundlicher. „Hallo Daria“, sagte die Drachin und gestattete ihr einen kurzen Blick auf das Drachenei. Teile der Schale waren bereits aufgebrochen. „Es kann sich nur noch um wenige Tage handeln, bis Eskara schlüpft.“ Daria freute sich aufrichtig für die kleine Drachenfamilie. „Wie alt seid ihr?“, fragte sie. „Ich bin bereits 5000 Jahre alt“, erklärte Xantarius. „Kaya ist erst 2000.“ Darias Mund blieb vor Staunen kurzzeitig offen. „Drachen können so alt werden?“ Er nickte. „Drachen sind nahezu unsterblich. Nur ein roter Drache oder ein Dämon kann uns etwas anhaben. Außerdem noch eine böse Hexe, wenn sie einen bestimmten Fluch beherrscht.“ Ein Schauder lief Daria den Rücken hinunter. „Aber nun ist es Zeit, dich wieder der menschlichen Welt zuzuwenden“, sagte Xantarius sanft, und im nächsten Moment vernahm sie das Klingeln der Schulglocke.

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