Seit meiner Kindheit wurde mir erklärt, dass der Himmel der Ort sei, an den man unbedingt gelangen müsse. Die Hölle hingegen sei unerquicklich, unerquicklicher und schließlich so unerquicklich, dass man das Wort gleich dreimal hintereinander sagen müsse.
Als vernünftiger Mensch begann ich daher irgendwann, beide Angebote miteinander zu vergleichen.
Der Himmel wirbt bekanntlich mit Ewigkeit.
Die Hölle ebenfalls.
Das ist also kein Unterschied.
Dann hört man vom Himmel, dort herrsche Frieden. Das klingt zunächst ausgezeichnet. Allerdings herrscht dort seit mehreren Jahrtausenden Frieden. Wer jemals drei Wochen in einem niederbayrischen Bauerndorf verbracht hat, weiß, dass Frieden eine wunderbare Sache ist – allerdings hauptsächlich deshalb, weil er gelegentlich von etwas anderem unterbrochen wird.
Im Himmel dagegen wird der Frieden niemals unterbrochen.
Nie.
Nicht einmal durch einen Nachbarn, der um sieben Uhr morgens mit einer Bohrmaschine experimentiert.
Und genau hier beginnt das Problem.
Denn ein Bohrer hört irgendwann auf.
Spätestens wenn der Nachbar ein Loch in der Wand gefunden hat.
Eine Harfe dagegen hört niemals auf.
Stellen Sie sich vor, jemand zupft neben Ihnen eine Harfe.
Eine Stunde lang.
Dann zehn Stunden.
Dann hundert Jahre.
Dann tausend Jahre.
Irgendwann würden Sie den Bohrer vermissen. Und zwar recht bald.
Nach einigen Jahrtausenden würden Sie wahrscheinlich so ziemlich alles vermissen, was früher mal als nervig galt.
Im Himmel sitzt man auf Wolken und spielt Harfe.
Jeder spielt Harfe.
Die musikalische Vielfalt beschränkt sich auf Harfe in Dur und Harfe in etwas hellerem Dur.
Wer Glück hat, hört einmal im Jahrhundert ein besonders gewagtes Harfensolo.
Dann beginnt das Hosianna-Singen. Das Hosianna-Singen ist gewissermaßen die Harfe mit Text.
Man kann sich die Sache wie eine gigantische Chorgemeinschaft vorstellen, die beschlossen hat, niemals Feierabend zu machen.
Tag und Nacht. Jahr für Jahr. Jahrtausend für Jahrtausend.
Hosianna hier, Hosianna dort, Hosianna überall.
Nach den ersten fünfhundert Jahren beginnt man vermutlich, sehnsüchtig an Presslufthämmer zu denken.
Nach tausend Jahren würde man wahrscheinlich freiwillig in eine deutsche Eigentümerversammlung wechseln, nur um einmal etwas anderes zu hören.
Zum Mittag gibt es Ambrosia.
Zum Abend Ambrosia.
Für Feinschmecker gibt es vermutlich Ambrosia mit Ambrosia. Oder anders herum. Völlig egal.
Nun zur Hölle.
Schon die Temperatur ist angenehmer. Während man im Himmel nie so genau weiß, ob man einen Pullover mitnehmen sollte, herrscht in der Hölle jene mollige Wärme, die Menschen sonst nur aus gut beheizten Wohnzimmern und mediterranen Urlaubsorten kennen.
Außerdem wird dort täglich gegrillt.
Wenn irgendwo in der Schöpfung eine Grillzange geschwungen wird, dann mit Sicherheit in der Hölle.
Dort brutzeln Würstchen, Steaks und geheimnisvolle Spezialitäten, deren genaue Herkunft man besser nicht hinterfragt.
Einen echten bayrischen Kartoffelsalat kriegt man dort sich auch an jeder Ecke. Der gehört zum Grillen ja dazu.
Der Himmel dagegen serviert derweil wahrscheinlich wolkenförmig geschnittene Ambrosiawürfel.
Ein weiterer Punkt betrifft das Unterhaltungsangebot.
Im Himmel gibt es vermutlich einen einzigen Fernsehsender.
Er sendet vierundzwanzig Stunden lang Chorgesänge, Harfenkonzerte und Dokumentationen über die korrekte Faltung von Engelsflügeln.
Die Hölle hingegen verfügt über eine erstaunlich liberale Medienlandschaft.
Dort laufen Sportübertragungen, Krimis, Kabarett, Kochshows und selbstverständlich jener berüchtigte Sender, bei dessen Erwähnung sämtliche Engel nervös auf ihre Sandalen blicken.
Man kann von diesem Sender halten, was man will – aber Vielfalt gehört nun einmal zu einer funktionierenden Unterwelt.
Auch gesellschaftlich besitzt die Hölle gewisse Vorzüge.
Die interessantesten Menschen der Geschichte scheinen sich dort zu versammeln.
Dichter, Spieler, Lebenskünstler, Querdenker, Schlawiner, Bohemiens und all jene Damen, vor denen besorgte Christen schon seit Generationen warnen.
Im Himmel dagegen trifft man hauptsächlich Leute, die nie einen Strafzettel bekommen haben und ihre Steuererklärung stets zwei Wochen vor Fristablauf einreichen.
Gewiss sind das ehrenwerte Menschen – Aber man möchte nicht unbedingt einen ganzen Abend mit ihnen verbringen.
Vor allem nicht die Ewigkeit. Die schon gar nicht.
Ein weiteres Problem des Himmels ist die Perfektion.
Alles ist vollkommen.
Nichts geht kaputt.
Niemand verspätet sich.
Keiner vergisst Geburtstage.
Niemand erzählt schlechte Witze.
Das klingt großartig, bis man erkennt, dass ungefähr neunzig Prozent aller humorvollen, menschlichen Geschichten genau daraus entstehen.
Die Hölle dagegen besitzt Charakter.
Dort wird diskutiert, debattiert und vermutlich sogar gestritten.
Und wenn man die Geschichte der Menschheit betrachtet, dann war ein gut geführter Streit stets erheblich unterhaltsamer als ein perfekt gesungenes Hosianna.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass das eigentliche Problem des Himmels seine tadellose Organisation ist.
Alles funktioniert.
Jeder weiß, was er tun soll.
Niemand beschwert sich.
Das erinnert verdächtig an eine Behörde, die ihre Arbeit tatsächlich beherrscht. Beängstigent ungewohnt, nicht wahr?
Die Hölle hingegen wirkt wie ein Ort, an dem ständig improvisiert werden muss. Das ist schon viel vertrauter, oder?
Ausserdem ist Improvisation bekanntlich die Mutter aller guten Geschichten.
Natürlich könnte es sein, dass die theologischen Abteilungen verschiedener Religionen gegen meine Analyse Einwände erheben.
Aber bis zum endgültigen Beweis bleibe ich bei meiner Einschätzung:
Der Himmel mag für Heilige geschaffen worden sein.
Die Hölle hingegen scheint von Leuten geplant worden zu sein, die wussten, wie man eine Party veranstaltet.
Aber vielleicht sitzt am Ende jeder dort, wo er hingehört?
Die einen beim Grillfest, die anderen beim Hosianna?