Die Tür
An einem gewöhnlichen Morgen bemerkte der Bankangestellte Josef K., dass seine Wohnungstür verschwunden war. Nicht aufgebrochen, nicht aus den Angeln gehoben – einfach nicht mehr vorhanden. An ihrer Stelle befand sich eine glatte Wand, die sich nahtlos in den Putz einfügte, als hätte sie schon immer dort gestanden.
Er klopfte vorsichtig. Das Klopfen hallte dumpf wider, als klopfe er gegen sich selbst. „Entschuldigung“, sagte er zur Wand, „ich muss zur Arbeit.“ Die Wand antwortete nicht, was Josef K. nicht überraschte. Behörden antworten nie sofort.
Er versuchte, durch das Fenster zu steigen, doch draußen war nun ebenfalls eine Wand. Auch die anderen Fenster. Die ganze Wohnung war zu einem einzigen, fensterlosen Raum geworden. Josef K. setzte sich an den Küchentisch und wartete. Irgendwann würde jemand kommen und die Tür wieder einsetzen. Schließlich war er ein pünktlicher Mensch, und die Welt funktionierte nach Regeln, auch wenn diese Regeln gerade unsichtbar waren.
Gegen Abend hörte er Schritte auf dem Flur. Jemand klopfte von außen. Josef K. rief: „Herein!“ Aber es gab keine Tür mehr. Die Schritte entfernten sich wieder. Josef K. blieb sitzen, höflich und geduldig, bis er schließlich selbst zur Wand wurde.
Der Prozess der Socken
Eines Tages wurde Gregor Samsa beschuldigt, ein Paar Socken gestohlen zu haben. Er war sich keiner Schuld bewusst, doch die Anklage war bereits formuliert, gestempelt und in dreifacher Ausfertigung archiviert.
Die Verhandlung fand in seinem Kleiderschrank statt. Der Richter war eine alte Motte, die auf dem Kragen seines besten Anzugs thronte. „Die Beweislast liegt bei Ihnen“, krächzte die Motte. „Wo waren Sie in der Nacht vom 14. auf den 15.?“
„Ich lag im Bett“, antwortete Gregor.
„Das ist keine Entlastung. Jeder liegt irgendwo.“
Die Socken selbst saßen als Zeugen auf der Anklagebank – zwei graue, leicht abgetragene Exemplare. Sie schwiegen vielsagend. Einer hatte ein Loch, das wie ein anklagender Mund aussah.
Gregor versuchte zu erklären, dass er Socken besitze, die ihm selbst gehörten, doch je mehr er redete, desto mehr Socken tauchten auf. Bald war der Schrank voller Socken, die alle ihn anstarrten. Sie vermehrten sich durch bürokratische Teilung: Jede Erklärung brachte zwei neue Paare hervor.
Am Ende wurde Gregor nicht verurteilt. Man erklärte lediglich, das Verfahren sei „vorläufig ausgesetzt“. Die Socken blieben jedoch. Sie füllten nun die gesamte Wohnung. Gregor schlief zwischen ihnen, leise atmend, damit sie ihn nicht hörten.
Die Verwandlung des Vorgesetzten
Der Abteilungsleiter W. wachte eines Morgens auf und stellte fest, dass er zu einem riesigen, bürokratischen Formular geworden war. Sein Körper war weißes Papier, seine Glieder Paragraphen, seine Unterschrift ein komplizierter Stempel, der sich selbst beglaubigte.
Seine Untergebenen traten ein, legten neue Akten auf ihn und warteten auf Anweisungen. W. versuchte zu sprechen, doch es kam nur ein leises Rascheln heraus. „Genehmigt“, flüsterte das Papier. „Abgelehnt.“ Die Worte entstanden von allein, je nachdem, wie das Licht auf ihn fiel.
Man trug ihn durch die Gänge des Amtes. Jeder, der ihn sah, nickte respektvoll. Endlich war er das, was er immer hatte sein wollen: unantastbar, unverständlich und endgültig.
Nur nachts, wenn das Gebäude leer war, knitterte er leise vor sich hin. Ein winziger Riss bildete sich in Paragraph 17, Absatz 3. Durch diesen Riss schaute er hinaus in die Welt und erkannte, dass er endlich frei war – frei, zerknüllt und weggeworfen zu werden.