Zum Inhalt springen
Startseite » Der Mann der niemals geboren wurde – Teil 2

Der Mann der niemals geboren wurde – Teil 2


Kapitel 1 – Der Schuldige


Niemand sprach während der ersten Auswertung.
Die Aufzeichnungen aus Elias‘ Armbandterminal bestätigten jedes seiner Worte.
Er hatte keine Könige beraten.
Keine Kriege ausgelöst.
Keine Regierungen gestürzt.
Er hatte lediglich versucht zu überleben.
Doch genau das genügte.
Historiker verglichen die Datenbank mit seinen Erinnerungen.
Die Jahreszahlen stimmten.
Der Dieselmotor war fast fünfzig Jahre früher entstanden, als es nach damaligem Stand der Technik zu
erwarten gewesen wäre. Zahlreiche Gutachten kamen zum selben Ergebnis: Ohne Rudolf Diesel hätte sich
die Entwicklung leistungsfähiger Verbrennungsmotoren um Jahrzehnte verzögert.
Die Folgen waren gewaltig.
Frachtschiffe.
U-Boote.
Militärfahrzeuge.
Eine gesamte Industrie beruhte auf einer Erfindung, die niemals hätte existieren dürfen.
Einer der Historiker formulierte es nüchtern.
„Der Erste Weltkrieg verlief deshalb anders, als er ohne Ihre Zeitreise verlaufen wäre.“
Ein anderer ergänzte:
„Sie haben die Seekriegsführung revolutioniert.“
Elias schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Ich habe lediglich das getan, was ohnehin immer Teil der Geschichte war.“
Niemand wollte diese Erklärung akzeptieren.
Für viele Wissenschaftler war die Sache eindeutig.
Ausgerechnet ein neutraler Schweizer hatte ungewollt den Lauf der Welt verändert.
Ein wissenschaftlicher Skandal.
Nach drei Wochen fiel die Entscheidung.
Die erste Zeitreise musste rückgängig gemacht werden.


Kapitel 2 – Der zweite Chronotransfer


Diesmal sollte alles besser laufen.
Ein anderer Chronophysiker würde zwanzig Jahre in die Vergangenheit reisen.
Nicht ins Jahr 1888.
Sondern in das Jahr 2297.
Nur wenige Wochen vor Elias‘ erstem Experiment.
Sein Auftrag war einfach.
Er sollte Elias überzeugen, den Chronotransfer niemals zu aktivieren.
Keine Reise.
Kein Rudolf Diesel.
Keine paradoxe Geschichte.
Der Start verlief ohne Zwischenfälle.
Die Zeitkammer schloss sich.
Ein greller Lichtblitz.
Dann war der zweite Reisende verschwunden.
Im Kontrollzentrum begann das Warten.
Es sollte nur wenige Minuten dauern.
Doch der Rücktransport erfolgte nie.


Kapitel 3 – Der Ursprung


Noch während die Techniker nach der Ursache suchten, versagten die Rechner.
Erst fiel das Archiv aus.
Dann die Backups.
Innerhalb weniger Minuten verschlüsselte eine unbekannte Schadsoftware sämtliche Server des
Chronotransferprojekts.
Transistoren schalteten zu schnell und brannten durch.
Spulen überhitzten.
Jahrzehnte an Forschung verschwanden.
Modelle.
Simulationen.
Quellcodes.
Messdaten.
Alles gelöscht.
Die Notfallkopien waren unbrauchbar.
Selbst die Baupläne der Zeitkammer existierten nicht mehr.
Als die Untersuchung begann, fiel den Ermittlern etwas Merkwürdiges auf.
Über den zweiten Reisenden wusste man erstaunlich wenig.
Seine Personalakte begann praktisch mit seinem Eintritt in das Chronotransferprojekt.
Davor fanden sich nur vereinzelte Melderegistereinträge.
Keine Universität.
Keine Dissertation.
Keine früheren Veröffentlichungen.
Keine wissenschaftliche Laufbahn.
Es war, als wäre er eines Tages einfach erschienen.


Kapitel 4 – Die Erkenntnis


Ein Historiker legte schweigend zwei Akten nebeneinander.
Dann sagte er leise:
„Was, wenn er uns den Chronotransfer nicht ausgeredet hat – Sondern ihn uns überhaupt erst beigebracht
hat?“
Im Raum wurde es still.
Plötzlich ergaben alle Widersprüche einen Sinn.
Der Mann war nicht in die Vergangenheit gereist, um die Zeitmaschine zu verhindern.
Er war in seine eigene Vergangenheit gereist.
Dort hatte er das gesamte Wissen eingebracht, auf dem das Projekt überhaupt beruhte.
Nach erfolgreicher Mission vernichtete er jede Spur der Technologie.
Nicht aus Rache.
Sondern damit niemand sie jemals erneut entwickeln konnte.
Die Geschichte schloss sich ein zweites Mal.
Diesmal endgültig.
Der Chronotransfer existierte nur deshalb, weil ein Zeitreisender ihn einst erfunden hatte.
Und er verschwand nur deshalb, weil derselbe Zeitreisende ihn wieder aus der Geschichte löschte.
Am Ende blieb im Archiv des Europäischen Instituts nur eine einzige Datei erhalten.
Sie trug den schlichten Vermerk:


Projekt Chronotransfer – dauerhaft eingestellt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

kroetenboss.ch – Gebaut mit Herz, Humor und Heavymetal. Wenn du das hier liest, bist du ganz unten angekommen.