Herr Alfred Schmatz, Buchhalter im dritten Stock eines Amtes, das sich selbst für wichtig hielt, saß an einem Sonntagnachmittag vor einem Rosinenkuchen, den seine Frau Erna „aus reiner Liebe“ gebacken hatte. Liebe, dachte Schmatz, ist ein Wort, das man benutzt, wenn man den Teig zu lange geknetet hat. Der Kuchen sah aus wie das Leben selbst: braun, etwas klumpig und voller Überraschungen, die man nicht unbedingt wollte.
„Das Leben ist kein Rosinenkuchen“, murmelte Schmatz und stach mit der Gabel hinein. Dann hielt er inne. „Oder vielleicht doch?“
Erna schaute von ihrer Strickarbeit auf. „Alfred, iss einfach.“
Aber Schmatz war bereits in jenem Zustand, den Philosophen als „Rosinen-Epiphanie“ bezeichnen würden, wenn sie nicht zu beschäftigt damit wären, sich gegenseitig zu widersprechen. Er pickte eine einzelne Rosine heraus und hielt sie ans Licht wie einen verdächtigen Scheck.
„Was bist du eigentlich, Rosine? Eine vertrocknete Traube? Eine Traube mit Depression? Hast du gelitten, als man dich in die Sonne gehängt hat? Oder war das deine Karrierechance? Die große Dehydrierung nach oben?“
Die Rosine antwortete nicht. Typisch. Die stillen Typen sind immer die schlimmsten.
Schmatz steckte sie in den Mund. Süß. Also hatte sie ein süßes Leben gehabt? Oder war die Süße nur die Rache der Traube an ihren Peinigern? Paradox Nummer eins: Etwas, das leidet, schmeckt am besten. Die Bibel hätte das erwähnen sollen.
Erna seufzte. „Du hast schon wieder diesen Blick. Den ‚Ich-denke-über-das-Leben-nach‘-Blick. Letztes Mal hast du drei Stunden lang erklärt, warum unsere Ehe wie eine defekte Waschmaschine ist.“
„Diesmal ist es wissenschaftlich“, verteidigte sich Schmatz. „Trauben wachsen an der Traube. Sind sie soziale Wesen? Bilden sie in der Rebe eine Art Kollektiv, das sich gegenseitig hochzieht? Und dann kommen wir Menschen und reißen sie auseinander. Klassische Kapitalismuskritik, verpackt in Obst.“
Er schnitt ein großes Stück Kuchen ab. Darin klebte – natürlich – ein Haar. Nicht irgendeins. Ein langes, schwarzes, das eindeutig nicht von ihm stammte. Erna hatte blond gefärbte Haare. Das Haar war ein Fremdkörper. Organisches Material in der ansonsten perfekten Metapher.
„Haarklauberei!“, rief Schmatz triumphierend. „Das Leben ist also doch ein Rosinenkuchen – aber einer, in den jemand Haare gestreut hat. Und jetzt soll ich die Rosinen heraussuchen, ohne das Haar zu erwischen. Die Kunst des selektiven Genießens unter widrigen Umständen.“
Er versuchte, das Haar mit der Gabel zu entfernen. Es wickelte sich um die Rosinen wie eine bürokratische Vorschrift um einen Antrag. Je mehr er zog, desto mehr Teig klebte daran. Paradox Nummer zwei: Je sorgfältiger man die guten Dinge herauspicken will, desto mehr ruinierst du den ganzen Kuchen.
Erna legte ihr Strickzeug weg. „Alfred, das Haar ist von der Katze. Die war auf dem Tisch.“
„Die Katze!“, jubelte Schmatz. „Noch besser! Das Leben ist ein Rosinenkuchen, der von einer Katze kontaminiert wurde. Wir glauben, wir hätten die Kontrolle, aber irgendwo läuft immer eine fremde Katze über unseren Teig. Und wir essen trotzdem weiter, weil Wegwerfen teuer wäre.“
Er aß das Stück mitsamt Haar. Es schmeckte genau wie vorher. Paradox Nummer drei: Die Verunreinigung ändert nichts am Geschmack, solange man sie nicht sieht. Die moderne Gesellschaft in einer Nussschale – oder besser: in einer Rosine.
Schmatz lehnte sich zurück. Der Kuchen war zur Hälfte verschwunden. Die andere Hälfte starrte ihn an wie das unerledigte Leben. „Weißt du, Erna, vielleicht ist das Geheimnis, dass es kein Entweder-Oder gibt. Das Leben ist kein Rosinenkuchen. Und gleichzeitig ist es genau einer. Man kann die Rosinen picken, bis einem die Finger kleben, oder man beißt einfach rein und akzeptiert, dass irgendwo ein Katzenhaar mit dabei ist. Die wahre Weisheit ist, sich nicht zu sehr aufzuregen. Sonst endet man wie ich: sitzt vor einem halben Kuchen und führt Selbstgespräche mit einer getrockneten Traube.“
Erna lächelte milde, das Lächeln einer Frau, die seit 28 Jahren mit einem Mann verheiratet war, der Metaphern für eine Krankheit hielt. „Und was machst du jetzt mit dem Rest?“
Schmatz schaute auf den Kuchen. Dann auf seine Frau. Dann wieder auf den Kuchen.
„Ich teile ihn gerecht auf. Die Rosinen für dich, die Haare für mich. So ist das Leben.“
Er schob ihr das größte Stück hin. Darin glänzte eine besonders pralle Rosine.
Erna pickte sie heraus und hielt sie ihm hin. „Die ist für dich. Die hat am meisten gelitten.“
Schmatz nahm sie, steckte sie in den Mund und kaute langsam.
„Süß“, sagte er. „Verdammt süß.“
Und zum ersten Mal an diesem Nachmittag lachte er. Das Leben war tatsächlich kein Rosinenkuchen.
Es war schlimmer.