Es gibt Menschen, die behaupten, Faulheit sei ein Laster. Diese Menschen haben vermutlich nie versucht, sie richtig zu beherrschen. Denn echte Faulheit ist keine Untätigkeit, sondern eine hohe Kunst – vergleichbar mit dem Dirigieren eines Orchesters, nur dass das Orchester konsequent nicht spielt.
Beginnen wir mit der Grundstufe: der ambitionierte Anfänger in Sachen Müßiggang. Er legt sich hin, wenn er müde ist. Ein fataler Fehler. Der Fortgeschrittene hingegen legt sich vorher hin, um spätere Ermüdung zu vermeiden. Der Meister jedoch verlässt das Bett gar nicht erst in einem Zustand, den man als „aufrecht“ bezeichnen könnte. Er arbeitet daran, dass jede Bewegung als unnötiger Eingriff in das natürliche Gleichgewicht des Universums erscheint.
Der erste Schritt auf dem Weg zur veredelten Faulheit ist die Optimierung der Umgebung. Alles muss in Reichweite liegen: Fernbedienung, Snacks, Lebensziele. Besonders Lebensziele sollten so platziert werden, dass man sie theoretisch erreichen könnte, praktisch aber nur unter Einbeziehung eines späteren Lebensabschnitts. Ein echter Kenner der Trägheit entwickelt bald die Fähigkeit, Wasser in Flaschen zu trinken, die bereits geöffnet sind, um die Belastung durch Schraubbewegungen zu vermeiden.
Doch Vorsicht: Viele scheitern hier, weil sie noch glauben, Faulheit müsse „bequem“ sein. Ein Irrtum. Bequemlichkeit ist nur die Einstiegsdroge. Der wahre Virtuose der Trägheit geht einen Schritt weiter: Er entwickelt Strategien, um selbst Bequemlichkeit zu vermeiden, wenn sie mit Aufwand verbunden ist. So beginnt er beispielsweise, sich über die Müdigkeit zu beschweren, die ihn davon abhält, sich auszuruhen.
Im zweiten Stadium wird die Zeitwahrnehmung angepasst. Der Anfänger sagt: „Das mache ich später.“ Der Fortgeschrittene sagt: „Das hätte ich gestern machen sollen.“ Der Meister hingegen sagt gar nichts mehr, da jede verbale Äußerung bereits als energetische Verschwendung gilt. Kommunikation wird auf ein Minimum reduziert – bevorzugt durch Blickkontakt mit dem Kühlschrank.
Nun erreicht der Lernende eine entscheidende Phase: die Delegation. Zunächst delegiert er Aufgaben an andere Menschen. Dann, in einem Akt höchster Effizienz, beginnt er, Aufgaben an zukünftige Versionen seiner selbst zu delegieren. Diese zukünftigen Versionen reagieren jedoch zunehmend unkooperativ, was zu einem interessanten intertemporalen Konflikt führt, der aber glücklicherweise zu anstrengend ist, um ihn weiter zu verfolgen.
Der Höhepunkt der Entwicklung ist schließlich erreicht, wenn der Betroffene erkennt, dass selbst Faulheit Arbeit bedeutet, sofern man sie konsequent betreibt. Der wahre Meister entscheidet sich daher für eine radikale Lösung: absolute geistige Ruhe bei minimaler körperlicher Regung, vorzugsweise in horizontaler Position mit strategisch optimierter Kissenarchitektur.
Und hier kommt die Moral, die sich bereits früh abgezeichnet hat, wie ein besonders unbeweglicher Schatten am Nachmittag:
Der erfolgreichste Faulenzer ist jener, der den gesamten Leitfaden gelesen hat – und sich nun erschöpft fühlt, ohne überhaupt etwas davon umgesetzt zu haben.